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#1

RE: Balladen von Börries von Münchhausen

in Balladen 26.09.2008 21:12
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Börries von Münchhausen (1874 - 1945)
Nach einer Reihe von unkoordinierten Aufständen vorwiegend im süddeutschen Raum fanden sich führende Köpfe, die ein einheitliches Programm aufstellten, um die Rechte der von den Fürsten unterdrückten Bauern einzuklagen und um die soziale Not der Landbevölkerung zu mildern.
Auch Bürger und sogar Ritter wie Florian Geyer und Götz von Berlichingen (vgl. Goethe, Götz von Berlichingen, 1773) – um nur die wichtigsten zu nennen – nahmen als Landsknechtsführer an den kriegerischen Auseinandersetzungen teil.
Der Theologe Thomas Münzer (um 1490 geb., 1525 enthauptet) wiegelte als religiöser Revolutionär die Massen auf und forderte die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden und die Beseitigung der sozialen Not.
Luther, der die Verquickung von Religion und Politik ablehnte und sich um die Reinerhaltung des Evangeliums sorgte, versuchte, mäßigend auf die Radikalsten unter den Aufständischen einzuwirken. Als er aber erkennen musste, dass seine Vorstellung von einem Handeln nach dem Evangelium politisch verfälscht wurde, schrieb er Wider die räuberischen und mörderischen Bauern, die am 15.Mai 1525 von den Truppen der Fürsten (Hessen, Sachsen und Braunschweig) vernichtend geschlagen wurden.


Der Hunnenzug

Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein wie ein brennendes Dorf,
mattdüsterer Glanz auf den Lachen im Torf.

Da plötzlich ein stampfendes, dumpfes Geroll
wie drohenden Wetters steigender Groll
und lauter und lauter erdröhnt die Erde
vom stürmischen Nahn einer wilden Herde.

Ein Hunnenschwarm mit laut jauchzendem Ruf!
Dumpf donnert und poltert der Rosse Huf,
es erbebt die Heide, der Schlamm spritzt auf
an den dolchbehangenen Sattelknauf.

Ein köcherumrauschter, gewaltiger Schwarm,
hell klirren die Spangen an Sattel und Arm,
das Haupt geneigt auf die struppige Mähne,
die braune Faust an gespannter Sehne.

Durch den rauschenden Regen gellt wild ihr Schrei,
immer mehr, immer neue jagen herbei
von der Heimatlosen unzählbarer Schar,
der der Sattel Wiege und Sterbebett war.

Da endlich die letzten vom Völkerheer,
zerstampft und zertreten die Heide umher,
ein letztes Wiehern im Winde, als Spur
auf dem schwarzen Schlamme ein Riemen nur.

Finsterer Himmel, pfeifender Wind,
wildöde Heide, der Regen rinnt,
von fern ein Schein wie ein brennendes Dorf
und düsterer Glanz auf den Lachen im Torf.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#2

RE: Balladen von Börries von Münchhausen

in Balladen 26.09.2008 21:17
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Börries von Münchhausen (1874 - 1945)
Göttingen war für die Entstehung vieler deutscher Balladen und für die Entwicklung der Deutschen Ballade im allgemeinen ein zentraler Ort.
Schon zu Bürgers und Höltys Zeiten war dort die neuere deutsche Ballade entstanden. In Boies* Musenalmanach von 1774 war Bürgers Lenore erschienen!
Der um die Jahrhundertwende sich ankündigende Naturalismus und Psychologismus brachte die Ballade so in Verruf, dass sich ein Kreis von jungen Studenten daran machte, sie zu erneuern. Ihr führender Kopf, Börries von Münchhausen (1874-1945), gab zwischen 1889 und 1905 einen Göttinger Musenalmanach heraus, der viermal erschien.
Da das gebildete Lesepublikum mit Almanachen jeglicher Art vertraut war, ließ man sich keinen anderen Titel einfallen, der so etwas wie eine programmatische Erneuerung signalisiert hätte.
Auch die Themen waren so neu nun wieder nicht: An Strachwitz anknüpfend erging man sich in adeliger Standesdichtung, d.h. man besang ritterliche Tugenden wie Mut, Treue, Verehrung des schönen Geschlechts u.a
Die Worte klirrten wie Schwerter und übertönten, bis auf wenige Ausnahmen, den tieferen seelischen und dichterischen Gehalt. In rascher Abfolge ließ Börries von Münchhausen seine Gedichte erscheinen, die heute in den Magazinen der Bibliotheken verstauben.
Aus der 1910 in 6. Auflage erschienenen Sammlung Die Balladen und ritterlichen Lieder sei als erstes der Bauernaufstand wiedergegeben.


Bauernaufstand
Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm,
Der Regen durchrauschte die Straßen.
Und durch die Glocken und durch den Sturm,
Gellte des Urhorns blasen.

Das Büffelhorn, das so lang geruht,
Veit Stoßperg nahm‘s aus der Lade.
Das alte Horn, es brüllte nach Blut
Und wimmerte: „Gott genade!“

Ja; gnade dir Gott, du Ritterschaft!
Der Bauer stund auf im Lande,
Und tausendjährige Bauernkraft
Macht Schild und Schärpe zu Schande.

Die Klingsburg hoch am Berge lag,
Sie zogen hinauf in Waffen,
Auframmte der Schmied mit einem Schlag
Das Tor, das er fronend geschaffen.

Er brachte das Schwert aus der Scheide nicht
Und nicht den Fluch von den Lippen
Dem Ritter fuhr ein Schlag ins Gesicht,
Ein Spaten ihm zwischen die Rippen,

Aufrauschte die Flamme mit aller Kraft,
Brach Balken, Bogen und Bande,
Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft:
Der Bauer stund auf im Lande!


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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