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RE: Mythos Holunder

in Mythologie 11.09.2008 11:58
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Die meisten kennen die Pflanze wohl unter dem Namen Holunder, aber sie hat viele Synonyme. Die verbreitesten sind:
Hölder, Holder, Holderbaum, Holderbusch, Holler,Alhorn, Elder, Ellhorn, Eller, Flieder, Kelkenbusch.

Diese Pflanze wurde in alten Zeiten weiblichen Gottheiten zugeordnet. Die Verehrung ist bei viele Völkerschaften nachzuweisen.
Bei den Kelten genoss der Baum höchste Wertschätzung als Baum der schwarze Erdgöttin Morrigan/derLichtgöttin Brigid. In der nordgermanischen Mythologie der Vanengöttin Freya und regionalen weiblichen Gottheiten, bei denen es sich um Hypostasen (so bezeichnen Religionswissenschaftler die Personifizierung göttlicher Attribute) von Freya, Frigga und Nertus zu handeln scheint. Frau Perchta und Frau Hulda (Holle).
Auch die slawische Erdgöttin Mokuschka hat den Holunder zum Heiligtum.

Der Holunderstrauch zeigt Blüten, so weiß und filigran wie Schneeflocken, die, wenn sie verblüht sind,wie diese fallen und dann wie eine Schneedecke am Boden liegen. Er trägt schwarze Beeren, deren Saft langanhaltend schwarz färbt, wie Pech. Die Pflanze selbst hat eine hohe Vitalität.
Diese Farben weiß und schwarz, der betörende, leicht muffige Geruch der Blüten und die Heilkraft des Baumes machte ihn in der Vorstellung der Menschen zum Baum des Lebens und zum Baum des Todes, machte ihn zum Tor zur Anderswelt und gleichzeitig zum Ausgang der Wiedergeburt. Häufig ist in der Religion die Erdgöttin zu bestimmten Zeiten auch Lichtgöttin.

Hier möchte ich auf das den meisten wohl bekannte Grimm-Märchen Nr 29
Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
aufmerksam machen, auf die Reise des Helden zum Teufel (der kein Teufel im christlichem Verständnis sondern eine vorchristliche regionale Gottheit ist) und auf die dem Menschenkind wohlgesonnene Ellermutter.

Der Holunderbaum war damals wie eine Hausapotheke. Von den Wurzeln über die Rinde, bis zu den Blättern, Blüten und Früchten, aus allem konnte man Heilung bekommen.
Die innere Rinde und die Wurzel als Tee verabreicht wirken abführend, harntreibend und wurden auch als Brechmittel benutzt.
Bei Erkältungen wirkt ein Tee aus Holunderblüten kleine Wunder, auch ein Sirup aus Blüten und Beeren hilft gegen Fieber und Erkältungen.
Blütentees und -tinkturen wirken sowohl schweißtreibend,aber bei sehr hohem Fieber auch temperatursenkend.
Die Blätter wurden bei Hautgeschwüren aufgelegt.
Und bei all dieser Nützlichkeit ließen sich die Beeren auch zu einer schmackhaften, gesunden Suppe verarbeiten. Wen wundert es da, dass die Menschen dem Hollunderbaum ehrfürchtig begegneten?

Auf http://www.natura-naturans.de/artikel/ewigkeit.htm
habe ich einen interessanten Beitrag über den Holunder als Totenbaum gefunden, den ich hier in Auszügen zeigen möchte, auch wenn ich mit einigen Erklärungen nicht übereinstimme, was der inhaltlichen Aussage aber keinen Abbruch tut:

Zitat
Holunder (Sambucus nigra): Der zu Johanni blühende Holunder gehört ebenfalls zu den traditionellen Totenpflanzen, obwohl er als fruchttragender Strauch dem Fruchtbarkeitsprinzip untersteht und auch als Kinderbaum gesehen wird. Er gehört zu den Attributen der Frau Holle und der Liebesgöttin Freya. Die uns aus Märchen bekannte Wintergöttin Holle stellt als Schicksalsfrau und als "große Seelenmutter", die in den Rauhnächten unter anderem mit einer Schar Kinderseelen umherzieht, die Verbindung zum Totenreich her (Rüttner-Cova S. 114).
Bei den alten Völkern galt der Holunder wegen seiner außergewöhnlichen Lebenskraft und weil er auch Nahrung und Heilmittel liefert, als Hausapotheke sowie als Lebens- und Gedeihbaum der Sippe (Höfler S. 30). In der Tat gibt es kaum einen Strauch, der im Kampf ums Überleben schneller ein Stück Boden erobert. Beobachtungen zufolge siegt der Holunder sogar gegenüber dem sich wie rasend ausbreitenden Riesenbärenklau, weil er im Frühjahr eben etwas rascher austreibt. Die außergewöhnliche Wachstumskraft wie auch die weißen, süßlich duftenden Blütendolden, die volksmedizinisch bei fieberhaften Kinderkrankheiten gebraucht werden, zeigen die Zugehörigkeit zum Mond, der nach Paracelsus über die ersten sieben Lebensjahre regiert. "Ihre Überlebenskraft machte sie zu einem Symbol der Wiedergeburt" (Beuchert S. 138).
Die graue, irgendwie alt erscheinende Rinde zeigt dagegen den Saturn an, der in der Astromedizin dem letzten Lebensabschnitt vor dem Tod zugeordnet wird. Nach Höfler sollen bereits die Germanen den Holunder auf ihren Friedhöfen angepflanzt und sein Holz zur Bestattung gebraucht haben.
Frau Holle, die Namensspenderin des zähen Strauches, verkörpert dabei einen Aspekt der Unterweltsgöttin Hel, der man einst unter dem Holunder Milchopfer und in früheren Zeiten auch Blutopfer darbrachte. Holle hat damit Macht über beide Grundprinzipien des Lebens und ihr Attribut, der Holler versinnbildlicht ebenfalls beides: Das Werden und das Vergehen.
Vor allem in Norddeutschland hat sich der Holunder lange im Totenkult halten können: "Der Schreiner oder Todtengräber ging schweigend zum Holderbusch und schnitt eine Stange ab, um das Maaß einer Leiche zu nehmen, und der Fuhrmann, der die Leiche nach dem Friedhof führte, trug statt der Peitsche einen Hollunderstock" (Ritter von Perger S. 257).




Die Rock-Gruppe "In Extremo", die sich mit ihrer Musik dem mittelalterlichem Lebensgefühl verschrieben hat, nutzt für ihre Titel häufig Texte des im Spätmittelalter gelebten Francois Villon, in der Übersetzung von Paul Zech.
In einem Songtext gibt es einen Bezug zum Holunderbaum in seiner mythischen Bedeutung als Baum des Todes:

Vor vollen Schüsseln muß ich Hunger sterben
Am heißen Ofen frier ich mich zu Tod
Wohin ich greife fallen nichts als Scherben
Bis zu den Zähnen steht mir schon der Kot

Von meinem Schädel ist das letzte Haar
Zu einem blanken Silbermond vereint
Ich hab kaum ein Feigenblatt es anzuziehen
Ich überall verehrt und angespien

Ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
Und schlafe auch unter dem Holunderstrauch
Auf den noch nie ein Stern herunter schien
Ich überall verehrt und angespien

wen das interessiert und wer die "Urfassung" lesen möchte
Die Ballade von dem Vogelfreien


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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