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RE: Glasberge

in Mythologie 22.05.2007 12:36
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

hier im Märchenlexikon von Kurt Derungs gefunden

Der Glasberg

Otto Huth



Ein zentrales Symbol der europäischen Volksmärchen ist der rätselhafte Glasberg. Man kann annehmen, dass es für das Verständnis der Volksmärchen überhaupt von wesentlicher Bedeutung ist, den Sinn des Glasberg-Symbols zu erkennen. Der Glasberg ist nach der Schilderung der Märchen ein steiler, hoher, glatter Berg. Er ist also unbesteigbar, und doch ist es die Aufgabe des Märchenhelden, den Berg zu ersteigen. Das gelingt ihm auch, und zwar auf verschiedene Weise: zu Fuss oder zu Pferd gelangt der Märchenheld hinauf oder auch mit Hilfe einer besonderen Leiter, oder er fliegt hinauf, nachdem er sich in einen Vogel (Schwan, Rabe) verwandelt hat.

Ergebnisse der vergleichenden Religionswissenschaft legen es nahe, dass Glasberg und Glasinsel identisch sind. Neben der Toteninsel finden wir öfter den Totenberg in ein und demselben Kulturraum. Die Erklärung gibt der kosmogonische Mythos, demzufolge die Urerde eine aus dem Meer sich erhebende Insel, und zwar ein kleiner Stufenhügel ist.

Hier sei ein religionswissenschaftlicher Ausblick eingeschaltet. Hans Schärer führt in seiner Studie über "die Gottesidee der Dajak in Borneo" aus, dass der Urberg, der auch Edelsteinberg oder Goldberg heisst, als Treppenpyramide dargestellt wird und in dieser Form zur Anwendung bei den Grabanlagen kommt. Der Sarg der Toten ist selbst wieder der Urberg, auch Boot und Lebensbaum, "der Tote ist ... zurückgekehrt in die mythische Urzeit", "der Tote wird wieder der erste Mensch". Auch auf der indonesischen Insel Ceram ist der Weltberg als Stufenberg bestens bezeugt. Die Totenreise führt nach ceramischen Mythen zu dem Totenberg Salahua über zwei oder acht andere Berge, d. h. aber der Totenberg gilt hier als drei- oder neunstufiger Berg. Der Maro-Tanz Cerams ist ein kultischer Reigentanz, der nachts stattfindet. Er stellt die Totenreise dar. Der Reigen der Tänzer bildet eine grosse neunfache Spirale, die deutlich ein Bild des stufigen Weltberges, der Welttreppe ist. Ursprünglich wird der Maro-Tanz in den neun Nächten jeweils an neun verschiedenen Tanzplätzen gefeiert. Diese Tanzplätze - Tamene siwa - sind die neun Stufen des Weltberges. Andere Mythen von Ceram beschreiben deutlich den neunstufigen Weltberg. Dieser neunstufige Weltberg heisst "Hatu-mas" (Stein-Gold), besteht aus Gold und ist identisch mit der Ur-Insel der Schöpfung, also der "Urhügel". Aus ägyptischen Überlieferungen ist der "Urhügel" bekannt. Der Urhügel ist die kleine Erde des Anfangs, die zuerst aus dem Urmeer hervorkam. Er wird als Stufenhügel dargestellt und ist das Modell für Thronsitz, Grabbau und Tempel. Die Königsgräber des Alten Reiches, die glatten und die stufigen Pyramiden, sind Symbole des kosmischen Urhügels: "Die grössten Bauwerke der Ägypter, die Pyramiden... sind die monumentalen Bilder des Schöpfungsberges, wo das Leben der Erde und der ganzen Welt entstand und stets aufs neue aus dem Tod aufersteht."

Ein Bauer hat drei Söhne, der jüngste ist ein Dummhans und Aschenputtel. Auf dem Totenlager fordert der Bauer von seinen drei Söhnen je eine nächtliche Grabwache. Der jüngste vertritt seine Brüder und wacht also dreimal. Jedesmal um Mitternacht spricht der tote Vater aus dem Grab mit ihm und gibt ihm eine Gabe, z.B. eine kleine Flöte, auf deren Ton ein Wunderross erscheint. Dummhans erhält auf diese Weise die Verfügungsmacht über drei Rosse verschiedener Farbe (rot-weiss-schwarz oder kupfern-silbern-golden, auch mit Stern-Mond-Sonnenzeichen) und drei zugehörige Rüstungen aus Kupfer, Silber und Gold. Im weiblichen Aschenputtelmärchen entsprechend drei Kleider: das Sonnen-, Mond- und Sternenkleid. Der zweite Teil des Märchens erzählt dann folgendes: ein König hat eine Tochter, die er verheiraten will. Er setzt sie auf den Glasberg (dänische Variante: sie hält einen oder drei Äpfel [Goldäpfel]). Wer hinaufreiten kann, erhält sie zur Frau und erbt das Königreich. Viele versuchen den Bergritt, nur Aschenhans vermag es, mit seinen drei Pferden hinaufzureiten. In den drei Rüstungen auf jeweils verschiedenfarbigem Ross reitet er erst ein Drittel, dann zwei Drittel, schliesslich am dritten Tag ganz auf den Berg hinauf.

Er verschwindet nach jedem Ritt unerkannt - wie das weibliche Aschenputtel - wird nach dem dritten Ritt von der Prinzessin gekennzeichnet (durch Ring, Golddraht im Haar; Königsstempel auf der Stirn) oder er erhält den Apfel (die drei Äpfel) und wird vom König oder seinen Boten gefunden. Der Abschluss ist die Königshochzeit. - In den drei Nächten nach dem Tod vollzieht nach altem Glauben die Seele die Himmelsreise. Wer am Grab wachte, konnte in die Mysterien der Himmelsreise eingeweiht werden, wie er andererseits zu ihrem Vollzug mitzuwirken hatte. - Der Ritt auf den Glasberg ist die Himmelsreise der Seele, die der Eingeweihte nun selbst vollzieht. Dabei hat er drei Stufen zu überwinden: das sind drei Himmel oder drei Himmelssphären, die durch drei Planeten: Venusstern, Mond, Sonne oder drei Metalle: Kupfer, Silber, Gold gekennzeichnet sind. Die drei Rüstungen entsprechen den drei Sphären des Himmels und den drei Stufen des Bergs. Und diese Rüstungen bedeuten Verklärungsstufen der Seele.

Das dem männlichen Aschenputtelmärchen nächstverwandte weibliche Aschenputtelmärchen ist von S. Singer in seinem Kommentar zu den Schweizer Märchen bereits bezeichnet worden als "eins der beliebten Mythenmärchen... von der Reise der Seele ins Jenseits." Singer vergleicht die drei Gewänder des weiblichen Aschenputtel besonders mit den Gewändern der ägyptischen Isismysterien. Die drei Gewänder erhält das weibliche Aschenputtel ebenfalls von der toten Mutter, bei Grimm aus dem Baum auf dem Grab der Mutter. Es handelt sich in der vollen Formel um drei Gewänder, nämlich das Sonnen-, Mond- und Sternenkleid (genauer wohl Venusstern-Kleid), welche den metallenen Rüstungen der männlichen Aschenputtel entsprechen, die übrigens ebenfalls mitunter noch zusätzlich durch Gestirne gekennzeichnet sind. Zu beachten ist noch, dass in beiden Fassungen des weiblichen Aschenputtelmärchens bei Grimm "Aschenputtel" und "Allerleirauh" von einer Treppe die Rede ist, über die hinaufgestiegen wird. Sie entspricht den Stufen des Glasbergs. Im weiblichen Aschenputtelmärchen wird oben in einem Saal getanzt, während es ursprünglich drei Säle gewesen sein müssen, die übereinander liegen und verschiedenfarbig sind. Die Treppe führt dann von Saal zu Saal und tritt so erst wirklich in Funktion. Hier sei erinnert an das Grimmsche Märchen von den "zertanzten Schuhen", das in diesen Zusammenhang gehört. Die zertanzten Schuhe weisen auf den langen und schwierigen Weg der Jenseitsreise, zu der man dem Toten Schuhe mit ins Grab gab. Und die Jenseitsreise als Tanz ist ein uraltes Thema. Es sei nochmals erinnert an den Maro-Tanz auf Ceram. Es ist ein nächtlicher Reigentanz, der auf den neunstufigen Weltberg hinaufführt. - Im Grimmschen Märchen von den "zertanzten Schuhen" geht die Reise in die Unterwelt. - Auf die Jenseitsreise verweist noch der Umstand, dass die Ausfahrt in der Nacht geschieht als Traumreise. Diese nächtliche Reise geht nun durch drei Räume, die untereinander liegen und über eine Treppe erreicht werden. Die Nachttänzerin kommt nacheinander in drei Ebenen oder Gärten, in denen die Bäume kupfern, silbern und golden sind (oder silbern, golden, diamanten).

In von Löwis of Menars Buch "Russische Volksmärchen" lesen wir in einer russischen Fassung dieses Märchens von den zertanzten Schuhen: "Sie liefen durch den Kupfergarten, liefen durch den Silbergarten, liefen durch den Goldgarten und kamen an das Feuermeer." - Grossartig ist eine Fassung unseres Märchens, die vom Balkan - aus Jugoslawien - überliefert ist: "Die Nachtschwärmerin". Der Abschnitt, der für uns besonders wichtig ist, sei angeführt:

Die Zarentochter klopfte dreimal mit dem Schuh auf die Platte, sie hob sich, und unter ihr tat sich ein unterirdischer Gang auf. Die Zarentochter liess sich da hinab und die Platte schloss sich über ihr. Da holte der Bursche mit seinem Stab aus, tat einen Schlag auf die Platte, und als die sich aufgetan hatte, stieg er auch hinab und ging in kurzer Entfernung hinter der Zarentochter her. Da unten gab es was zu sehen! Schöne Paläste, hoch und weit, Stuben und Säle fügten sich unübersehbar eins ans andre, und in ihnen schimmerte alles von Gold und Edelstein; Leuchter wie die Sonne erhellten die Paläste, alles glänzte und funkelte, dass man nicht darauf hinsehen konnte. Der Palast war ganz voll von Leuten, alles nur Vilen und ihre Genossen. Diener eilten wie beflügelt hin und her und bedienten die Gäste.

In einigen Stuben waren Tische aufgestellt, reich besetzt für die Gäste; die schönsten Speisen und Getränke in goldenem Geschirr standen in der grössten Fülle auf den Tischen. Die Gäste setzten sich zu Tisch und taten sich gütlich an Speise und Trank. Der arme Bursche sah das alles an und dachte bei sich, warum er so hungrig bei dem Essen dabeistehen solle; da langte er selber zu, nahm vom Tisch die beten Bissen, gerade wie sein Herz begehrte, und trank den funkelnden Rotwein. Die Gäste sehen, wie die Speisen vor ihnen verschwinden, wie die vollen Becher sich leeren, wundern sich, denn sie können nicht sehen, wer das tut. Noch mehr erstaunen sie, als auch die goldenen Becher, aus denen sie trinken, vor ihren Augen verschwinden. Während sie so verwundert dastanden, stopfte der Bursche sich die Kostbarkeiten in den Busen.

Schon an der Tür hatte ein junger Mann, schön wie gemalt, die Zarentochter erwartet; es war der Sohn des Vilenzaren. So wie sie eintrat nahm er sie bei der Hand und setzte sich mit ihr in eine Ecke; dort unterhielten sie sich, scherzten und lachten, während die andern assen und tranken; sie brauchten nicht Speise noch Trank, wenn sie nur einander sehen konnten, ob auch hungrig und durstig. Da erscholl von irgendwoher himmlisches Flötenspiel; alle Gäste standen von den Tischen auf und gingen dem Flötenklang nach; auch die Zarentochter mit dem Sohn des Vilenzaren und hinter ihnen der arme Bursche. Sie traten nun in einen grossen Saal, ringsum Säulen aus Elfenbein, auf ihnen erhob sich ein Gewölbe wie der Himmel, mitten daran leuchtete eine Sonne, um sie Mond und Sterne. Von oben ertönte die Flöte, als wenn die Engel des Himmels Harfe spielten. Die Vilen und Vilengenossen fassten sich zum Reigen an und begannen zu tanzen.

Der Vilenreigen hob an, erst langsam, dann immer schneller und schneller; es sah aus, als stünden die Tänzer nicht auf dem Erdboden, als schwebe der Reigen, als wiegten ihn die Töne der Flöte hin und her. Die Flöte tönte immer eindringlicher, und Tänzer und Tänzerinnen tanzten immer heftiger. Zuletzt kam es wie Tollheit über sie, und sie fingen an zu springen, unter ihnen die Zarentochter, als wäre sie unsinnig geworden. Sie und der Sohn des Vilenzaren umschlangen sich fest und sprangen, sprangen, bald nach rechts, bald nach links. Der Zarentochter platzte das Kleid und die Schuhe gingen in Stücke; von dem schönen Gewand, das sie zu Hause angezogen hatte, hingen nur noch die Fetzen herab. So wurde fortgetanzt bis an den lichten Tag; als aber die ersten Hähne krähten, hörte die Flöte plötzlich auf, der Reigen löste sich auf, die Vilen und Vilengenossen gingen aus dem Saal in die Zimmer daneben und waren in kurzer Zeit alle irgendwo verschwunden.

Im männlichen Aschenputtelmärchen wird nicht getanzt und keine Treppe bestiegen, vielmehr reitet der Held auf den Berg. Das Reiten auf den Totenberg oder ins Totenland ist aus Mythologie und Kult bekannt.

In schleswig-holsteinischen Märchen erscheinen an Stelle des Glasbergs auch drei Berge: Kupferberg, Silberberg und Goldberg. Der Märchenheld geht zum Goldberg durch den Silberberg in den Kupferberg; das heisst aber doch wohl: die drei Berge liegen übereinander. Der Glasberg steht also für einen dreistufigen Berg, der aus drei Metallen besteht. Allein die Absätze von Stufe zu Stufe könnten zweifelhaft sein, doch weist darauf wenigsten die Treppensymbolik im weiblichen Aschenputtelmärchen hin. Der Glasberg ist eine grosse "Treppe", ein Staffelberg. Dies Ergebnis wird nun bestätigt durch osteuropäische, russische und finnische Varianten des männlichen Aschenputtelmärchens. In ihnen erscheint statt des Glasberges mitunter ein Gebäude, und zwar ein Stockwerkbau. Die Prinzessin, die sonst auf dem Berg sitzt, befindet sich im dritten oder neunten Stock des Gebäudes oder Turmes. Die Stockwerke entsprechen den Stufen des Bergs. Die Neunzahl ist, nebenbei bemerkt, eine Steigerung der Dreizahl.

Obwohl wir aus iranischer Mythologie den Urmenschen als metallischen Mikrokosmos kennen, mag es zweifelhaft erscheinen, dass er aus dem männlichen Aschenputtelmärchen in dieser Weise erschlossen werden kann. Aber diese Annahme lässt sich erhärten durch Heranziehung weiterer Märchenvarianten, und es zeigt sich, dass in Alteuropa der kosmische Metallmensch ebenso bekannt war wie der metallische Weltberg und der metallische Weltbaum. Da ist das Eisenhans-Märchen: der Königssohn wird vom "wilden Mann", dessen Käfig er öffnet, mitgenommen in den Wald. Dort soll er den Goldbrunnen bewachen. Er taucht den Finger, dann die Haare hinein, sie werden vergoldet. - Das Baugesetz des Märchens, seine strenge Dreigliedrigkeit, lässt erkennen, dass in dieser Fassung des Märchens etwas nicht mehr stimmt. Der Archetypus dieser Erzählung muss anders gelautet haben, eine osteuropäische Variante hat ihn bewahrt: sie kennt drei Brunnen, im ersten werden die Beine verkupfert, im zweiten die Arme versilbert und im dritten die Haare vergoldet. Das ist die volle ursprüngliche Formel. Zu vergleichen ist das berühmte norwegische Märchen vom "Meistermädel" (das ist das "Heraklesmärchen" - mit Stallreinigung usw.). Da sind in drei verbotenen Räumen Kessel mit siedendem Kupfer, Silber und Gold. Der Märchenheld tut jedesmal die Haare hinein, die also nacheinander verkupfert, versilbert und vergoldet werden. - Da hätten wir nun - an den Haaren jeweils zu erkennen - den Metallreiter wieder in Kupfer-, Silber- und Gold-Gestalt; aber ursprünglich ist das kaum. Vielmehr dürfte die Urfassung so gelautet haben: im Kupferkessel werden die Beine verkupfert, im Silberkessel die Arme versilbert und im Goldkessel die Haare vergoldet. - Der Metallkessel, an Stelle des Metallbrunnens, ist eine einleuchtende Abänderung.

Zwei Metallbrunnen, die aber auf ursprünglich drei hinweisen, finden wir im makedonischen Märchen von den "Drei Feen, dem blinden Alten und dem Aussätzigen": Ein alter Mann wohnt in einem Bergschloss, er nimmt einen jungen Burschen als Sohn an, der die Schafe hüten muss. Im Schloss sind zwei verbotene Zimmer, die der Junge nicht betreten darf, schliesslich bekommt er aber die zwei Schlüssel dazu: Als der Jüngling das erste Zimmer aufschloss, sah er darin einen Brunnen, aus dem lauter Gold floss. Er neigte sich über den Brunnen und wusch sich den Kopf, um sich ein wenig abzukühlen. Da wurde er vom Kopf bis zum Gürtel ganz vergoldet ... Der Jüngling ging dann zum zweiten Zimmer und öffnete es. Hier sah er wieder einen Brunnen ... in diesem Brunnen wusch er sich die Füsse, da wurde er vom Gürtel bis zu den Füssen ganz silbern. Neben dem Goldbrunnen steht ein geflügeltes Pferd. Von einem Bettler kaufte er sich ein altes Gewand und war so verändert, dass man nicht mehr sehen konnte, dass er vergoldet und versilbert war. Auf den Kopf setzte er statt einer Mütze eine ungereinigte getrocknete Schweinsblase, damit es so aussehe, als hätte er den Aussatz.

Die drei Metallbrunnen in der angenommenen ursprünglichen Form kennt das Siebenbürgische Märchen vom "Wunderbaum", in dem Weltbaum und Weltberg nacheinander und einander zugeordnet erscheinen: ein Hirtenbub steigt auf einen hohen Baum, nach neun Tagen kommt er auf ein weites Feld: "Da waren viele Paläste von lauter Kupfer und hinter den Palästen war ein grosser Wald mit kupfernen Bäumen, unter den Bäumen war eine Quelle von flüssigem Kupfer." Der Bub taucht die Füsse - um sie zu kühlen - in die Quelle: "Wie er sie wieder herauszog, waren sie mit blankem Kupfer überzogen." Dann steigt er wieder neun Tage aufwärts und kommt auf ein silbernes Feld. Hier taucht er die Arme in die Silberquelle. Schliesslich nach weiteren neun Tagen erreicht er als letztes das goldene Feld. Hier lässt er die Haare in die Goldquelle hineinfallen: "Als er sie herauszog, waren sie übergoldet". Es folgen Abstieg und Verbergen des Glanzes durch Stiefel, Handschuhe und Hut. Er besteigt später den Glasberg zu Fuss, der unter seinem Tritt wie Wachs ist und die Spuren zeigt. Er gewinnt die Königstochter. In diesem Märchen besteigt der Metallmensch, in der Gestalt, die wir erschlossen haben, den Metallberg, und wir haben demnach gleichbedeutend nebeneinander: Weltbaum und Weltberg und Weltmensch.

In iranischer Überlieferung wird der Metallglanz als "Chwarena", d. i. Nimbus, bezeichnet. Er gilt im besonderen als Herrschaftsglanz, Inbegriff und Wesen königlicher Herrschaftsmacht. Auch das finden wir im europäischen Märchen wieder. Im Kärntner Märchen vom blonden Flori - einer Variante des "Eisenhans-Märchens" - wird erzählt, wie Flori in den Besitz der drei Rosse und drei Rüstungen aus Kupfer, Silber und Gold kommt und drei Riesen besiegt. Am Schluss heisst es: "Flori wurde Herr von drei mächtigen Königreichen, von ‘Kupfersberg’, ‘Silbersberg’ und vom ‘Goldenen Stern’."

Wichtig ist, dass im Märchen neben der Dreizahl auch die Siebenzahl vorkommt, freilich seltener, aber in derselben Funktion. Neben drei gibt es sieben Himmelsstufen oder Sphären. Es gibt Beispiele, die lehren, dass aber eine Tendenz besteht, die Dreizahl aus der Siebenzahl wieder herzustellen. Im Balkanmärchen sitzt die Königstochter oft im Baum statt auf dem Berg. Der Märchenheld klettert den Baum hinauf und kommt an sieben Wächtern vorbei, die nach Wochentagen heissen. In manchen dieser Märchen werden aber nur drei Wochentage erwähnt: Freitag, Samstag, Sonntag. Hier ist also die Dreizahl aus der Siebenzahl wieder hergestellt. Die sieben Berge im "Sneewittchen", die sieben Glasberge im schwedischen Volkslied usw. weisen auf den siebenstufigen Weltberg. - Hier liegen bestimmte Kultureinflüsse vor, die vielleicht noch genauer erkannt werden können. Doch abgesehen von dieser kulturhistorischen Seite des Phänomens ist es beachtenswert, dass die Dreizahl im Volksmärchen durch die so bedeutsame Siebenzahl ersetzt werden kann, dass Drei- und Siebenzahl jedenfalls in Korrespondenz stehen.

Der Glasberg wird im Märchen auch vertreten durch eine ferne Insel, die hinter drei oder sieben Meeren liegt. Dieses rote, schwarze und weisse Meer ist offenbar als Ringozean aufzufassen, verschiedene Ringmeere umgeben die Urinsel. Im Märchen herrscht das alte Weltbild, das noch mittelalterlichen Weltkarten zugrunde liegt, dem die Erde als runde Scheibe gilt, die im Ringozean liegt. In ausgebilderten Formen ist es nicht ein Ringozean, sondern mehrere umgeben die Erde. Dies kompliziertere Weltsystem ist religionsgeschichtlich und symbolwissenschaftlich sehr wichtig. Bei Grimm heisst der Glasberg einmal "Stromberg". Man möchte daran denken, dass der Fluss aus einer Quelle auf dem Berg entspringt und in Windungen den Berg umfliesst und in den Ringozean mündet. Jedenfalls gehören Urberg und Urwasser zusammen, deshalb ist der Berg eine Insel, eben der Urhügel im Meer der mythischen Kosmogonie. - Im Nibelungenlied geht die Reise zu Brunhild zu Schiff den Rhein hinunter in die Nordsee, dort auf einer Insel, dem "Isenstein", ist ihre goldstrahlende Burg. In einer dänischen Ballade des Mittelalters sitzt Brunhild (Brynild) auf dem Glasberg, auf den sie ihr Vater gesetzt hat, und Siegfried ("Sigward") reitet mit seinem Pferd hinauf. Das männliche Aschenputtelmärchen lehrt uns, dass diese späte Ballade Altertümliches bewahrt hat: die Insel in der Nordsee ist die Glasinsel, und die Glasinsel ist der Glasberg.

Hier möchte ich ein Zigeunermärchen erwähnen, das zu den schönsten europäischen Volksmärchen gehört. Es handelt sich um eine Variante des männlichen Aschenputtel-, also des Glasbergritt-Märchens. An Stelle des Berges hat es drei Brücken aus Kupfer, Silber und Gold, das ist die Cinvatbrücke Irans oder der eddische Regenbogen, "die Asenbrücke", über die die Asen reiten und die aus drei Farben besteht. Nun eine Stelle aus einer Zigeunerfassung des Glasbergritt-Märchens:

Damit gab er seinem Pferd die Sporen und setzte froh und stolz seinen Weg fort. Er ritt, und er ritt. Wie lange er ritt, weiss ich nicht und kann es euch deshalb nicht erzählen. Aber endlich! Endlich, meine Freunde, sah ich etwas was in der Ferne glänzte. Je weiter ich ritt, um so stärker wurde der Glanz. Und was sehe ich zu guter Letzt, wenn nicht eine Brücke aus blinkendem Kupfer! Wahrhaftig! Ich hielt mein Pferd an. Lange stand ich da mit den Zügeln in der Hand. Die Brücke glänzte im Sonnenschein. Schön war sie. Aber vorwärts musste ich. Voller Eifer setzte ich den Fuss in den Steigbügel. Rasch schwang ich mich in den Sattel. Ich gab meinem Pferd die Sporen. Das zauderte nicht. Ich selber war blind von dem starken Glanz, aber das Pferd fand doch seinen Weg. Wahrhaftig, ein starker Klang stieg alsbald zum Himmel auf. Dröhnend schlugen die stählernen Hufe des Pferdes gegen das Kupfergewölbe. Ök-doj-trin-schtar-panch!14 Stolz war ich, wie ein König! Mitten auf der Brücke verhielt ich mein Pferd bei den Zügeln. Ich reckte mich in den Steigbügeln. Ich wandte meinen Kopf bin und her und neigte ihn. Tief da unten sah ich das blaue Wasser. Noch tiefer sah ich die rote Kupferbrücke sich spiegeln. Meine Tränen rannen, aber meine Hand zitterte nicht. Stolz ritt ich. Laut erklang die Brücke unter meinem Springer.

Ritt ich einen Tag? Ritt ich viele? Was weiss ich! Endlich aber erhob sich in der weitesten Ferne ein Schein, und ein Lichtstrahl traf meine Augen. Ich hielt mein Pferd an. Ich stellte mich zu seiner Linken. Wahrhaftig! Das war die Silberbrücke. Und war die Kupferbrücke schön gewesen dann war die Silberbrücke noch hundertmal schöner. Ihr Glanz glich dem Sonnenschein. Ihr Geländer war so, dass ich es nicht nachzeichnen, dass ich es nicht beschreiben, nein, nicht einmal im Traum etwas Ähnliches schauen kann.

Eifrig setzte ich den Fuss in den Steigbügel. Mit Lust schwang ich mich in den Sattel. Ich war blind geworden von dem starken Leuchten, aber mit Kraft lenkte ich mein Pferd zur Brücke hin. Bald hörte ich seine Hufe auf dem Silbergewölbe. Das klang wie Musik. Mit Jubel im Herzen ritt ich dahin. Ök-doj-trin-schtar-panch! Wie ein König ritt ich über die Brücke. Mitten auf ihrem Bogen hielt ich meinen Springer an. Ich reckte mich in den Steigbügeln. Ich wandte meinen Kopf hin und her und neigte ihn. Tief da unten spiegelte sich die Silberbrücke im Wasser. Dieses Bild kann ich nicht beschreiben. Ach, meine Freunde, nicht einmal im Traum kann ich es wiederfinden, denn es war schöner als alles Schöne auf der ganzen Weit. Ich weinte, wie ich jetzt weine, meine Kinder. Aber ich ritt weiter.

Wieviele Tage, wieviele Nächte ich ritt, weiss ich nicht, also kann ich es euch auch nicht erzählen. Bald aber kehrte mir die Freude zurück, und ich spornte mein Pferd an. Endlich begann es in der Ferne zu glänzen. Ein Leuchten stieg auf. Es wurde immer gewaltiger. Sehr bald schon blendete es meine Augen. Ich hielt mein Pferd an. Wahrhaftig, die Goldbrücke lag vor mir! Schön war sie. War die Silberbrücke schön gewesen, so war die Goldbrücke doch noch hundertmal schöner. Ich betrachtete sie. Schöner als alles Schöne war sie. Wer kann das Schönste vom Schönen beschreiben? Meine Freunde, nun bin ich stumm. Nun spreche ich nicht mehr eure Sprache.

Lange stand ich dort. Jetzt aber, meine Freunde, setzte ich den Fuss in den Steigbügel. Rasch schwang ich mich in den Sattel. Geblendet ritt ich auf die goldene Brücke zu. Wie Musik klang es in ihrem Goldgewölbe: Ök-doj-trin-schtar-pansch! Stolz wie ein König ritt ich dahin. Mitten auf der Brücke aber hielt ich mein Pferd an. Ich reckte mich in den Steigbügeln. Ich wandte meinen Kopf hin und her und neigte ihn. Tief da unten in dem klaren Wasser sah ich die Goldbrücke sich spiegeln. Das war ein Bild - so schön, dass ich's nicht beschreiben kann, nicht davon erzählen kann, nicht mit Worten beschreiben, wie schön es war.

Jetzt aber, meine Freunde, jetzt war ich über sie hinweg. Stolz ritt ich weiter. Hart spornte ich mein Pferd an. Bald gewahrte ich ein prächtiges Schloss...

Ausser dem Glasberg kennt das europäische Volksmärchen noch andere gläserne Gebilde, vor allem - wenn wir von Glasschloss, Glasturm und Glasburg (Stadt) absehen - den gläsernen Sarg. Der Glasberg als Totenberg, auf dem die toten Seelen hausen, hat engste Beziehung zum Glassarg, in dem der Tote liegt. Man bedenke, auch im mythischen Totenberg ruht der Tote wie in seinem Abbild, dem Grabhügel. So wären also Glasberg und Glassarg ursprünglich überhaupt identisch. Das aber würde heissen, dass der Glassarg in irgendeiner Weise aus den Metallen Kupfer, Silber und Gold bestanden hätte. Sieht man sich mit dieser Frage die Varianten des "Sneewittchen-Märchen" an - in dem bekanntlich der gläserne Sarg erscheint - so findet man, dass folgende Varianten des Glassarges vorkommen: Goldsarg, Silbersarg, zwei Särge ineinander, und zwar Goldsarg in Silbersarg. Es fehlen drei Särge ineinander: Goldsarg in Silbersarg in Kupfersarg. Doch diese drei Metallsärge, die ineinander stehen, überliefert die Sage, und zwar die Sage vom Heidenkönig im dreifachen Sarg. Es handelt sich um Kupfer-Silber-Gold- oder um Eisen-Silber-Gold-Särge, die an Stelle des einfachen Goldsarges öfter bezeugt sind. Diese Sage ist vor allem in Niederdeutschland verbreitet (Westfalen-Rheinland, Mecklenburg-Brandenburg) und knüpft an alte Megalith- und Hügelgräber an.

Es gibt sie tatsächlich, die Stufenberge und Bäume, und seit alter Zeit. Da sind die Stufentürme und Pyramiden des Alten Orients, die dreistufigen Megalithgräber, die Meru-Bauten Indiens. Der Meru ist die beste Parallele des europäischen Glasbergs, dessen dreigliedrige Gestalt sich uns enthüllt hat. Der Name Meru bedeutet - wie Glasberg - wahrscheinlich "der leuchtende" Berg (Smeru). Er gilt den Indern als der höchste Berg und liegt "das ganze Weltall beherrschend" in der Mitte der Welt. Genau über ihm steht der Polarstern, und "die Sterne umwandeln ihn in engeren und weiteren Kreisbahnen". Er hat drei ringförmige Absätze und Stufen aus verschiedenem Material: der untere Teil besteht aus Erde, Stein, Kiesel und Diamant, der zweite Teil aus Kristall, Silber und Gold, der dritte Teil besteht aus reinem Gold. Der Meru ist also der dreistufige Weltberg, der, abgesehen von der unteren Stufe, aus Metallen und Edelsteinen besteht. Auf dem Gipfel des Meru wohnen die Götter und Ahnenseelen.

In Europa gibt es eine Fülle von Beispielen für Stufenberge und -bäume, die aus derselben Überlieferungsschicht stammen wie die Volksmärchen, nämlich aus der Volksüberlieferung: da sind die Maibäume mit drei Kränzen, Weihnachtspyramiden mit drei Stockwerken, Dorflinden, die künstlich als sogenannte geleitete Bäume zu Stufengebilden gestaltet sind. Sie zeigen noch einmal, dass Stufenbauten und Stufengebilde auch ausserhalb der Erzählungen in Europa vorkommen.



Quelle: Symbolon, Band 2, 1961, p. 15 ff. gekürzt und sprachlich leicht angepasst.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#2

RE: Glasberge

in Mythologie 16.09.2018 05:49
von Robert
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