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RE: Der goldene Mann - Georgien

in russische und georgische Märchen 09.07.2007 13:47
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Der goldene Mann
georgisches Märchen


Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn. Einmal begab sich der König zur Jagd in den Wald. Dort entdeckte er eine kleine Hütte. Er schickte zwei Wesire hin, diese schauten hinein und sahen, dass in der Hütte ein goldener Mann schlief. Sie gingen zum König und berichteten, was sie gesehen hatten. Sogleich hatte der König den Wunsch, den goldenen Mann gefangen zu nehmen.
Der goldene Mann hatte die Gewohnheit, eine Woche lang zu schlafen und dann eine Woche lang wach zu sein. Jetzt war gerade seine Schlafzeit. Der König sandte seine Wesire aus, und diese nahmen ihn mit und warfen ihn ins Gefängnis. Nun ließ der König in allen Ländern verkünden: >Ich habe einen goldenen Mann gefangen, kommt und schaut ihn euch an !<
Dem Königssohn aber fiel beim Spielen der Ball aus dem Fenster und rollte ins Gefängnis des goldenen Mannes. Als der Ball herabfiel, wachte der goldene Mann auf, blickte sich um und sah, dass er gefangen war. Er schlug mit der Faust gegen die Wände, aber er vermochte sie nicht niederzureißen. Da kletterte der Königssohn zum Fenster hinauf und bat den goldenen Mann um den Ball. Doch der goldene Mann sagte: »Geh und öffne die Tür, dann gebe ich dir den Ball!« Der Junge lief zu seiner Mutter und bat um den Schlüssel zum Gefängnis. Zu dieser Zeit war man schon aus aller Herren Länder angereist, um den goldenen Mann zu sehen. Der Königssohn aber öffnete die Tür und ließ den goldenen Mann frei. Der goldene Mann sah den Königssohn an, gab ihm den Ball und floh.

Als der König seine Gäste zum Gefängnis führte, um ihnen den goldenen Mann zu zeigen, fand er die Tür unverschlossen. Da lief er zornig zu seiner Frau und
fragte: »Wer hat die Tür geöffnet?« »Unserem Jungen ist der Ball hineingefallen, da hat er mich um den Schlüssel gebeten. Beim Öffnen der Tür muss der goldene Mann geflohen sein«, antwortete die Frau. Sogleich ließ der König einen Wesir kommen und befahl ihm: »Führt meinen Sohn fort, ich will ihn nie wieder sehen!« Da versorgte sich der Königssohn mit allem, was er brauchte. Dann machte er sich mit dem Wesir auf den Weg. Nach einiger Zeit gelangten sie an einen Brunnen. Der Königssohn wollte Wasser trinken und sagte zum Wesir: »Ich lasse dich hinab, damit du mir Wasser heraufholst.« Doch der Wesir erwiderte: »Wie ginge es an, dir in meinem Stiefel Wasser zum Trinken zu holen!« Da stieg der junge Mann selbst in den Brunnen hinab und trank Wasser. Aber als er wieder hinaufklettern wollte, sprach der Wesir: »Wenn du mir deine Kleider gibst, dann lasse ich dich herauf. Andernfalls ertränke ich dich!« Da entgegnete der junge Mann: »Laß mich hinauf, ich will dir meine Kleider geben. Der Wesir zog den Königssohn herauf, und dieser legte seine Kleider ab und gab sie dem Wesir. Er selbst zog die Kleider des Wesirs an. Nun sprach der Wesir: »Von jetzt an werde ich der Königssohn sein und du der Wesir. Wenn jemand dich fragt, hast du entsprechend zu antworten.« Wieder machten sich beide auf den Weg. Nach langer Reise gelangten sie in ein Königreich, begaben sich zum König und traten in dessen Dienst. Den Wesir machte man zum Stellvertreter des Königs, den Königssohn zum Rinderhirten. Als der König den Rinderhirten einstellte, unterwies er ihn: »Unsere Weideplätze werden im Süden, Norden und Westen sein. Begehe nicht den Fehler, das Vieh nach Osten zu treiben!«

Den einen Tag trieb der junge Mann das Vieh nach Süden, anderentags nach Norden und dann wieder nach Westen. Nach langer Zeit verspürte er den sehnlichen
Wunsch, das Vieh nach Osten zu treiben. Schließlich brach er mit seinem Vieh dorthin auf. Er fand prächtiges Gras, das Vieh weidete gierig, und der junge Mann schlief ein.
Mittlerweile erfuhr der goldene Mann, dass Vieh auf sein Land getrieben worden war, ging hin und begann die Tiere zu töten. Viele Rinder brachte er um. Schließlich kam er zu dem jungen Mann und wollte ihn gerade packen, sah ihn genauer an und erkannte den Königssohn, der ihn befreit hatte. Behutsam weckte er ihn und fragte: »Wer hat dich hier hergeführt?« Der junge Mann erzählte ihm, was geschehen war. Da brachte ihn der goldene Mann zu seinen Schwestern. Diese gaben ihm zu essen, bis er satt war. Dann gebot der goldene Mann seinen Schwestern: »Gebt ihm ein kräftigendes Mittel!« Als der junge Mann dieses zu sich nahm, verspürte er augenblicklich ungeheure Kräfte in sich. Er stand auf und trieb den Rest des Viehs nach Hause. Als der König merkte, dass sich seine Herde verspätete, schickte er seine Wesire zur Erkundung aus. Sie sahen, dass der Hirt das Vieh vom Osten Herahntrieb, liefen zum König und sprachen: »Unser Hirt hat das Vieh aus dem Osten hergetrieben.« Der junge Mann trieb das Vieh in den Stall und band es an.
Der König, bei dem der junge Mann als Rinderhirt diente, hatte drei heiratsfähige Töchter. Er ließ in allen Königreichen bekannt geben, er wolle seine Töchter verheiraten, die Freier sollten nur ihre Vorzüge zu erkennen geben. Da kamen Männer aus allen Ländern an den Königshof. Der König stellte seine drei Töchter nebeneinander auf den Balkon und sprach: »Sagt mir, wenn euch ein Bursche gefällt!«
Ein junger Mann ging vorbei, der zog ein Taschentuch hervor, das war mit Goldfäden durchwirkt. Diesen Mann wollte die älteste Tochter haben. Ein anderer
Mann ging vorüber und räusperte sich. Den wollte die mittlere Tochter zum Mann haben. Dann kam ein dritter . junger Mann, den man für die jüngste Tochter auserwählt hatte, aber diese wollte ihn nicht. Da verprügelte der König seine Tochter vor allen Leuten, weil sie sich von so vielen Freiern keinen einzigen ausgesucht hatte. Zu dieser Zeit hielt sich der Rinderhirt bei dem goldenen Mann auf und sprach: »Der König will seine drei Töchter verheiraten.« Da gab ihm der goldene Mann einen Heldentrank, setzte ihn auf ein Pferd und sagte: »Flieg!«

Wie toll jagte das Ross durch die Luft. Der junge Mann klammerte sich am Nacken des Pferdes fest und flog bis zum Tor des Königspalastes. Als der König den Mann durch die Luft Herahnfliegen sah, schickte er seine jüngste Tochter zu ihm. »Dann nimm wenigstens den«, sagte er zu ihr.
Das Mädchen erkannte den Rinderhirten auf den ersten Blick und wollte auch ihn nicht zum Mann haben. Der König war darüber so wütend, dass er mit seinen Schwiegersöhnen übereinkam, das Mädchen zu bestrafen. Sie zerrten es zur Treppe und stießen es die Stufen hinab. Dann ließ der König seine Tochter in den Viehstall werfen.
Als der junge Mann die Herde abermals in den Stall trieb, sah er die Königstochter in der Futterkrippe liegen. Da wunderte er sich und fragte sie: »Wieso bist du hier?«
Das Mädchen erzählte ihm, was vorgefallen war. Dann fragte sie: »Warst du jener, der auf dem Pferd durch die Luft geflogen kam?« Der junge Mann verneinte. Aber das Mädchen drang in ihn: »Sag es mir, sonst veranlasse ich, dass du beim König unbeliebt wirst!« Der goldene Mann aber hatte dem Königssohn eingeschärft, auf keinen Fall davon zu sprechen, sonst müssten sie beide für zwanzig Jahre verschwinden. Aus Furcht davor sagte der junge Mann dem Mädchen nichts. Wie sehr sie ihm auch zusetzte, sie brachte kein Wort aus ihm heraus.

Eines Tages ließ der König verkünden, dass er an seinem Hof einen Ringkampf veranstalten wolle und alle Kämpfer dazu einlade. Als der Ringkampf begann, erfuhr der junge Mann davon, lief zum goldenen Mann und sagte: »Der Ringkämpfer meines Königs fordert zum Kampf, und ich möchte meine Kräfte mit ihm messen!« Da gab ihm der goldene Mann die Heldenarznei aller drei Schwestern, und sie verlieh ihm große Kräfte. Der goldene Mann trug ihm auf: »Verhalte dich so, wie ich es dir sage. Wenn du auf den Platz trittst, um den Kampf zu beginnen, dann presse ihm vom ersten Griff an die Finger zusammen!«'
Der junge Mann begab sich zum König und bat ihn: »Herr König, laßt mich mit Eurem Ringkämpfer die Kräfte messen!« Der König wollte ihn auslachen, aber nach langem Bitten ließ er ihn doch auf den Kampfplatz. Beide unterschrieben öffentlich die Bedingungen und traten zum Kampf an. Gleich beim Händegeben packte der Ringer des Königs den Rinderhirten, konnte ihm aber nichts anhaben. Dann ergriff der Rinderhirt die Hand des Gegners und preßte die Finger zusammen. Er packte ihn am Fuß, ließ ihn zwei-, dreimal in der Luft kreisen und schleuderte ihn bis zum goldenen Mann. Der fing ihn auf und warf ihn in die Menge. Da sah der König, dass sein Rinderhirt ein Held war. Er rief seine Tochter und sprach: »Heirate wenigstens diesen Mann!« Aber das Mädchen weigerte sich. Der Rinderhirt trieb abermals das Vieh zu dem goldenen Mann. Als es Abend wurde, trieb er es wieder heim und legte sich schlafen. Da kam das Mädchen und fragte: »Willst du mich zur Frau oder nicht?«
Der junge Mann weigerte sich, aber das Mädchen brachte ihn schließlich zum Reden. So erfuhr der König, dass sein Rinderhirt durch den goldenen Mann so stark geworden war. Er ließ den Rinderhirten zu sich kommen, aber da dieser alles verraten hatte, war der goldene Mann augenblicklich verschwunden. Da sagte der junge Mann zu dem Mädchen: »Ich verschwinde jetzt. Laß dir von einem Schmied ein großes Brecheisen und eisernes Schuhwerk anfertigen. Dann brich auf, um den goldenen Mann und mich zu suchen.« Nach diesen Worten verschwand auch er. Das Mädchen ging zu ihrem Vater und bat ihn, einen Schmied zu beauftragen. Bald gab ihr der König, was sie brauchte. Man brachte ihr auch ein räudiges Pferd, sie setzte sich darauf und ritt zu den Schwestern des goldenen Mannes. Diese nannten ihr den Ort, wohin sie reiten musste. Die große Schwester gab ihr noch einen Rat: »Nach tausend Meilen wirst du meine Mutter treffen. Sie knetet Teig in einem riesigen Trog, und ihre Brüste hängen hinein. Geh hin, berühre ihre rechte Brust und sage ihr, dass du ihre Schwiegertochter bist, dann wird sie dir den Weg zeigen.«

Die älteste Schwester gab dem Mädchen ihr Pferd, und die Königstochter saß auf und ritt davon. Nach einem langen Ritt gelangte sie an jenen Ort. Da sah sie, dass eine Frau in einem riesigen Trog Teig knetete. Sie schlich sich an sie heran und berührte ihre rechte Brust. Die Frau drehte sich zu ihr um und fragte: »Wer bist du?« Das Mädchen antwortete: »Eure Schwiegertochter.« Sie erzählte ihre Erlebnisse, und die Frau sprach: »Nach zweitausend Meilen wirst du meiner Mutter begegnen. Sie steht an der Grenze, Geh zu ihr hin und frage sie nach dem Weg.«
Das Mädchen ritt weiter und gelangte schließlich bis an die Grenze. Sie ging zu der Frau und erzählte auch ihr alles. Da brachte die Frau sie über die Grenze und wies ihr den Weg. Das Mädchen ritt weiter und setzte sich schließlich an einer Quelle nieder. Als sie von dem Wasser trinken wollte, erblickte sie drei Mädchen, die große Krüge in den Händen hielten. Da trank das Mädchen nicht. Jene drei Mädchen kamen zur Quelle, füllten die Krüge, und als sie gehen wollten, bat das Mädchen: »Gebt her, ich möchte etwas trinken.« Sie gaben ihr einen Krug in die Hand. Als das Mädchen trank, zog sie heimlich den Ring vom Finger und warf ihn hinein. Die Mädchen trugen das Wasser dorthin, wo viele Leute saßen. Alle tranken. Den Krug, in dem nur noch wenig Wasser geblieben war, erbat sich der Rinderhirt. Als er trank, geriet ihm der Ring in den Mund. Er holte ihn heraus, betrachtete ihn und erkannte, dass es der Ring der Königstochter war. Da sagte der Jüngling zu dem goldenen Mann: »Meine Braut ist gekommen. Man soll sie herbringen.« Sofort holte man das Mädchen. Lange unterhielten sie sich, schließlich meinte der goldene Mann: »Dieses Mädchen ist unsere Schwägerin, nehmt sie mit und zeigt ihr das Grenzland.« Doch die drei Mädchen erwiderten: »Führe sie doch selbst umher.« Da standen sie auf und machten sich auf den Weg. Als sie noch tausend Meilen von der Grenze entfernt waren, begannen die Pferde der drei Mädchen zu trappeln. Die Mädchen liefen zu ihnen hin und fragten: »Was habt ihr?« Die Pferde antworteten: »Unsere Gäste sind geflohen. Wir wollen sie einfangen.« Sie brachen auf und hatten die Entflohenen bald eingeholt. Da gebot der goldene Mann den Pferden, sich hinzulegen, verwandelte sie in Mäuse, «ich selbst in eine Katze, das Mädchen in einen Hasen und den jungen Mann in einen Esel. Als die Verfolger ankamen, fanden sie niemand auf dem freien Feld, kehrten um und banden ihre Pferde wieder an derselben Stelle an. Da verwandelte der goldene
Mann sie wieder in Menschen und die Pferde in Pferde, und sie ritten weiter.
Wieder begannen die Pferde der Mädchen auszuschlagen, die Mädchen eilten zu ihnen, schwangen sich in die Sättel und nahmen die Verfolgung auf. Als sie näher kamen, verwandelte der goldene Mann alle in Bäume und sich selbst in einen Waldhüter. Die Mädchen fragten ihn: »Sind hier nicht drei Leute vorbeigekommen?« Da antwortete der goldene Mann: »Sie sind nach Norden geritten.« Da zogen die Mädchen nach der einen Seite, und sie selbst wandten sich, nachdem er seine Gefährten zurückverwandelt hatte, nach der anderen. Aber als die Mädchen ihre Pferde wieder zu Hause angebunden hatten, begannen diese zu stampfen. Abermals nahmen sie die Verfolgung auf. Diesmal verwandelte der goldene Mann sie in ein Maisfeld, er selbst begann das Feld zu hacken. Auch diesmal gelang es ihm, die Mädchen zu überlisten.

Die Mädchen kehrten zurück, und die drei Reiter überquerten die Grenze.
Sie ritten geradewegs zum König, ließen den Wesir kommen und fragten ihn: »Wie kommt es, dass du ein Königssohn geworden bist?« Der Wesir begriff, dass diese Frage nichts Gutes bedeutete, und gestand die Wahrheit.
Als der goldene Mann ihn angehört hatte, schlug er ihm den Kopf ab. Dann bestrafte er' noch die Schwiegersöhne und Töchter des Königs. Dem König aber riß er mit eigener Hand beide Ohren ab und ließ ihn laufen.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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