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#1

RE: Frau Holle

in der reale Hintergrund eines Märchens 05.07.2005 13:30
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Heinrich Rombach
die Sicht des Philosophen Heinrich Rombach auf des Märchens Kern

Zitat
3. Frau Holle
Das Prinzip der Unscheinbarkeit macht sich in der unscheinbaren Gestalt des Märchens geltend. So bei Frau Holle. Holle heißt soviel wie Holde, Huld, Gnade. „Begnadung“ ist die religiöse Form des hermetischen Prinzips. „Begabung“ ist seine psychologische und „Genie“ ist seine künstlerische Form. Alle dies Formen haben dieselbe Unverständlichkeit, und sie stellen für das Alltagsverständnis dasselbe Problem dar. Sie sind weder als Fremdgegebenheiten noch als Selbstgegebenheiten faßbar. Die „Begnadung“ liegt nicht im Vermögen und Besitz des Menschen. Er verfügt nicht darüber. Es ist nicht eine Naturanlage, kein verläßliches Verfügenkönnen, das der Begnadete nur noch zur Anwendung zu bringen hätte, sondern es ist eine Kraft, die er aus dem Augenblicke zu gewinnen, für den konkreten Fall zu finden und durch das Hinzukommen von Glück zu realisieren hat. „Glück“ ist nur ein anderes Wort für Hermes.
Glück hat aber nur derjenige, der es „verdient“. Aber keiner kann es sich verdienen. Man kommt da nicht hin. Es führt kein Weg zu Hermes – aber im Grunde führen alle Wege durch ihn hindurch. Er ist ja der Gott des Weges – aber welchen „Weges“? Wer „Genie“ hat, weiß dies sehr wohl, aber er weiß nicht, woher er es hat und wie lange; mal hat er es, mal hat er es nicht. Glaubt er zu wissen, daß er es hat, hat er es nicht, aber nun umgekehrt daran zu zweifeln, hilft auch nicht. Der Volksmund bringt dies durch die simple Formel zum Ausdruck: „Man hat es, oder man hat es nicht.“ Genau dies ist Hermes.

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und ...


Frau Holle verteilt Lohn und Strafe, aber nicht nach dem Prinzip der Gerechtigkeit, sondern nach dem charismatischen Prinzip, nach dem hermetischen Prinzip. Ihre Huld ist ein Verdienst, aber nur ein Verdienst derer, die nicht danach trachten.
So der Unterschied von Goldmarie und Pechmarie. Wie zuvor gezeigt, gelangt Goldmarie durch einen Absturz im Brunnenschacht in eine Unterwelt, von der niemand Kenntnis hatte. In der Unterwelt haben die Dinge Stimmen. So ruft das Brot aus dem Ofen: „Ach, zieh mich raus.“ Goldmarie ist nun die Bescheidene, die nicht selbst etwas will, sondern den „Willen“ der Dinge tut. Sie tut das, was „an der Zeit“ und was „am Platze“ ist; sie tut das, was die Sachen sind. Dadurch gelingt ihr alles. Sie ist nicht eigentlich „fleißig“; wer tut, was die Dinge wollen, bei dem geht alles „von selbst“. Das Märchen verkennt dies, es blendet Betulichkeit auf. Wir lassen uns aber nicht irreführen.
Gelingen, das ist das hermetische Phänomen, und Gelingen bedeutet eine Sache aus sich selbst heraus zu dem führen, wohin sie selber will. Dieses Führen hat die Unterstützung der Sachen, den ganzen Hintergrund der Wirklichkeit zum Helfer. Wie könnte es da mißlingen? Was könnte dem widerstehen? Die Übermacht des hermetischen Prinzips ist die schöpferische Sachlichkeit, in der die Subjektivität untergegangen ist, oder das sachliche Schöpfertum, die Kon-kreativität, in der Mensch und Sache zu einem einzigen Hervorgang zusammengehen. Der hermetische Mensch ist gleichsam ausgelöscht. Es gibt ihn nicht als den selbstbewußten Ausgangspunkt eigener Aktionen. Er ist nichts als die Findung des Zentralwillens einer Weltsituation, und er springt so in deren Mitte hinein, daß er die Sachen nur noch zu „rufen“ braucht, damit sie auch schon geschehen. „Wer den Dingen ihr eigenes Lied vorspielt, der bringt sie zum Tanzen.“ Die Macht der Hermetik ist der Tanz der Dinge.



Interessanter Gedankenansatz, aber ich meine, der wesentlich Kern der Märchenaussage ist ein anderer, dichter an den tatsächlichen Belangen des Lebens, vermutlich das, was der Philosoph Rombach mit Betulichkeit abtut.
Für mich ist dieses Märchen eine Aufforderung, die Kinder bedacht zu eziehen, sie nicht zu lebensunfähigen Menschen zu prägen, in dem eine Einschätzung der Arbeit als etwas negatives mit Strafcharakter vermittelt wird.Ich sehe hier nichts von Talenten und Genie, das Talent zur Hausarbeit, ein Brotback- und Baumschüttelgenie... nee, hier geht es nach meiner Meinung darum, dass Übung den Meister macht und ein Häckchen sich früh krümmt

Eine Marie wurde als Kind verhätschelt, von jeder Arbeit enthoben und als sie auf den eigenen Füßen stehen mußte, hatte sie mit solch schlechten Rüstzeug nur Pech im Leben.
Die ihr nachgesagte Häßlichkeit ist bestimmt das negative Empfinden, dass man als Außenstehender gegen verzogene Kinder hat.
Die andere Marie mußte schon als Kind alle Arbeiten ausführen, bekam wenig Zuwendung und hatte wohl deshalb ein bescheidenes Auftreten, dass den Außenstehenden wohlgefällig ist. Als sie auf sie gestellt war, war sie in der Lage, ihr Leben dank ihrer umfangreichen Kenntnisse in der Haushaltsführung erfolgreich zu meistern und Werte zu schaffen.
Für mich ist Frau Holle nur ein Zierde dieser Message, die Erinnerung an eine Göttin, die für Familie und Haushalt zuständig war, so wie Frigga.

Andere Meinungen ?

seht was ich gefunden habe


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#2

RE: Frau Holle

in der reale Hintergrund eines Märchens 05.07.2005 16:32
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Frau Holle
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Frau Holle ist ein Märchen der Brüder Grimm (siehe Grimms Märchen).

Ein Mädchen wird von ihrer Stiefmutter gegenüber deren leiblicher Tochter immer zurück gesetzt und verzweifelt daran so sehr, dass es in einen Brunnen springt. Es trifft in der 'Brunnenwelt' auf Frau Holle, eine "alte Frau", die "große Zähne hatte". Die nimmt das schöne und fleißige Mädchen in ihre Dienste. Nach einiger Zeit bittet das Mädchen um seinen Abschied, wird mit einem Regen von Gold überreichlich beschenkt und kehrt nach Hause zurück, worauf hin ihre hässliche und faule Halbschwester den gleichen Weg nimmt, ihren Dienst erwartungsgemäß ungenügend versieht, von Frau Holle entlassen und mit einem lebenslang an ihr haftenden "Pechregen" gezüchtigt wird.


Sozialer Hintergrund
Im Märchen wird der ehedem häufige innerfamiliäre Konflikt behandelt, als viele Frauen im Kindbett starben, die Witwer oft neu heirateten und miteinander konkurrierende Halbgeschwister zeugten.

Die Heimat dieses Märchens ist nicht eindeutig festzulegen, da es mehrere Regionen gibt, in welchen die Bewohner behaupten, Frau Holle sei in einem ihrer Berge zu Hause (so werden der Hohe Meißner zwischen Kassel und Eschwege und auch die Hörselberge bei Eisenach bzw. der Hörselberg) genannt.


Mythologisches


Mythologisch liegt, schon an dem Selbstmordversuch erkennbar, ein Unterweltmotiv vor. Hinter "Frau Holle" verbirgt sich womöglich die germanische Totengöttin Hel (s.a. Hölle), nach Anderen "Fricka" (Frigg (? - s. auch Perchta). Zur Zeit der Raunächte, zwischen 23. Dezember bis 5. Januar (in dieser Zeit musste die Hausarbeit ruhen), soll sie zur Erdoberfläche aufgestiegen sein, um nachzusehen, wer das Jahr über fleißig oder wer faul war.

Im Volksmund ist Frau Holle für die Schneemenge im Winter verantwortlich, denn je gründlicher sie ihre Betten ausschüttelt, desto mehr schneit es auf der Erde.


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#3

RE: Frau Holle

in der reale Hintergrund eines Märchens 06.07.2005 23:55
von Myrachoja2 | 12 Beiträge | 12 Punkte

Nun bin ich nach langer Zeit wieder in die wundersame Welt dieses Märchens eingetaucht, und dabei sind mir noch so ein paar Gedanken gekommen:
Marie wollte ihre Spindel im Brunnen waschen, die blutig war (Paralelle zu Dörnröschen = die blutige Spindel kann als Symol für die erste Menstruation angesehen werden) die Spindel fiel jedoch in den Brunnen, worüber das junge Mädchen so verzweifelt war, dass es gleich selbst in den Brunnen sprang.
Der Brunnen jedoch war ein Tor zu einer anderen Welt, einer Traumwelt, in der Marie, ohne es zu wissen, in die grundlegenden Lebens- und Frauengeheimnisse von Geburt, Fürsorge und Tod eingeweiht wurde (Brot aus dem Ofen und Apfelernte). Es folgte den gegebenen Notwendigkeiten still und ohne Aufhebens und kam so zu Frau Holle, die für mich so etwas wie eine machtvolle Erd-Hüterin ist - und vielleicht eine Lehrmeisterin für uns Frauen, die wir ja auch Hüterinnen des Lebens sind.
Nachdem Marie alles gelernt hatte, was es zu lernen gab (bildlich gesprochen, das Frausein), war es Zeit, wieder in die reale Welt zurückzukehren.
Man könnte den Faden noch ein kleines bisschen strecken und vermuten, dass es wohl nicht allein um das Frau-sein geht, sondern um die weibliche Qualität oder Polarität überhaupt, die auch ein Teil der in einem männlichen Körper geborenen Menschen ist, oder sein sollte.
Das andere Beispiel der Pechmarie zeigt, wie es herauskommen kann, wenn das Lebensgeheimnis des vorbehaltlosen Dienens nicht erkannt und gewürdigt wird, sondern in Eigennutz und Rücksichtslosigkeit untergeht.

Ich mag es wirklich, dieses Märchen.

Alles Liebe
Myrachoja


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#4

RE: Frau Holle

in der reale Hintergrund eines Märchens 07.07.2005 10:44
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Danke Myra, für die Erläuterung der Spindel. Wohl ist mir aufgefallen, dass sowohl in Dornröschen als auch in Frau Holle junge Mädchen Spindeln haben, die sie blutig machen, aber irgendwie ging mein Denken nicht weiter.

Aber hiermit hast Du genau DAS angesprochen, weshalb ich, neben der besseren Erzählbarkeit, Volksmärchen noch über Kunstmärchen stelle. Ihre Vielschichtigkeit, entstanden durch Hunderte von Erzählern, die dem Erzählgut noch die eigene Message eingesetzt haben. Vieleicht war Frau Holle anfangs nur die Erzählung von einer Selbsttötung, weil die Stiefmutter dem Mädchen unerträgliche Lebensumstände bereitete.Irgendwann war es einem Erzähler leid, von der Arbeit als Grund für einen Selbstmord zu berichten und er verknüpfte somit den Gang zu Göttin der Unterwelt mit einer belohnenden Göttin, die die Haushaltsführung wertschätzt und überhaupt, ein Selbstmord unakzeptabel, mußte die schon als Erzählgut bestehende Geschichte abgeändert werden, vieleicht gerade im Umfeld die erste Menstruation ein Thema - der Grund zum Brunnen zu gehen und hineingefallen hat sich auf das Erfreulichste geändert.

ups, ist jetzt ein Märchen um das Märchen geworden

liebe Grüße
Gem-ini


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#5

RE: Frau Holle

in der reale Hintergrund eines Märchens 17.03.2006 21:39
von xxnaseweisxx | 12.117 Beiträge | 12117 Punkte

irgendwomal, hab ich gehört, das gold- und pechmarie auch ein und die selbe persönlichkeit ist.

jeder hat zwei seiten - die brave fleissige seite und die faule, hässliche seite.... und auch so sehen wir uns gelegentlich. je nach tagesverfassung. manchmal sind wir pflichtbewusst und manchmal möchten wir einfach nur faul sein dürfen.


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