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#2

RE: manchmal wurde auch gefälscht

in Nationalepen 12.07.2006 08:47
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Wirkung des Poems :

Herder

Der Sänger Ossian wurde in vielen Werken der Dichter der Romantik und der Klassik herangezogen...

Ossian in Deutschland

Wie James Macphersons Barde unsere Literatur unterwandert hat
Rezesion von ALEXANDER KOSENINA über

Wolf Gerhard Schmidt: ",Homer des Nordens' und ,Mutter der Romantik'". James Macphersons Ossian und seine Rezeption in der deutschsprachigen Literatur. 4 Bände. Walter de Gruyter Verlag, Berlin, New York 2003, 2004. XIX, 587 S.; XI, 830 S.; IX, 501 S.; XVI, 850 S., geb., Bände 1 und 2: 218,-, Band 3: 98,-, Band 4: 138,- [Euro


"Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst! / Und übe, dem Knaben gleich, / Der Diesteln köpft, / An Eichen dich und Bergeshöhn!" Viel von Goethes berühmter Ode, in der er im Namen Prometheus' mit einer ganzen Generation gegen sämtliche Autoritäten, literarische Traditionen und ästhetische Konventionen zu Felde zieht, stammt womöglich nicht von ihm allein. Wenn man will, lassen sich in diesem höchste Originalität beanspruchenden Text Anklänge aus dem schottisch-irisch-gälischen Sagenschatz des dritten Jahrhunderts vernehmen. Da erhebt sich etwa der Held Fingal ähnlich anmaßend wie Prometheus gegen den Gott Odin: "Son of night, retire: call the winds and fly", dort fallen Köpfe wie Disteln: "Warriors fell by thy sword, as the thistle by the staff of a boy". Selbst für scheinbar neuartige Wendungen in Goethes früher Dichtung wie "Wolkendunst" ("cloud of mist"), "Nebelkleid" und "Nebeltal" ("robe of mist", "misty valley") oder "Feuerflügel" ("wings of fire") finden sich in der Welt Ossians Entsprechungen.

Der greise, blinde Barde, der die Taten seines Vaters Fingal besingt und elegisch der Vergangenheit nachtrauert, wird in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts zum Helden Europas. Diese Figur von zweifelhaftem historischem Status hat der Schotte James Macpherson teils wiederentdeckt, teils selbst geformt. In umstrittener Weise übersetzt, adaptiert und dichtet er seit 1760 auf Grundlage alter Handschriften, aber auch mündlicher Überlieferungen im Namen Ossians naturwüchsige Balladen in epischem Gewand. 1760 erscheinen erste "Fragments", 1762 der relativ authentische "Fingal", 1763 folgt das eher fiktive Epos "Temora" und 1765 endlich "Works of Ossian". Unter dem Stichwort "joy of grief", in deutschen Übersetzungen als "Wonne der Wehmut" oder "Freude des Schmerzens" wiedergegeben, werden diese Dichtungen zum Katalysator der Empfindsamkeit und zur gefeierten Mode.

Goethe teilt also seine fiebernde Begeisterung mit vielen Zeitgenossen - vor allem im Sturm und Drang und der Romantik. Für ihn "geht doch nichts drüber", wie er Herder anläßlich eigener Übersetzungsversuche aus dem Gälischen bekennt. Jedenfalls bis zur Zeit des "Werther", der seine "Krankheit zum Tode" mit ebenfalls selbstübertragenen urwüchsigen Naturszenen Ossians zum tragischen Höhepunkt peitscht. Wie der Barde zu seinem überwältigenden Ansehen in Deutschland gelangen konnte - als "Homer des Nordens" (Madame de Staël) oder "Mutter der Romantik" (Jean Paul, Uhland) -, ist jetzt die Grundfrage einer monumentalen Studie von Wolf Gerhard Schmidt. Im Lande Macphersons, das seit dem achtzehnten Jahrhundert die schlanke Form des Essays kultiviert, gelten solche mehrbändigen Standardwerke indes als "door-stop" meist typisch deutscher Gelehrsamkeit. Doch Schmidts ambitionierte Dissertation, die einen weiten Horizont eröffnet, verdient Respekt, auch wenn sie leider ein unerschwingliches Bibliothekskompendium bleiben wird.


Ossian, der selbst im Bewußtsein von Gebildeten kaum noch lebendig ist, kann man mit keiner einfachen Wirkungsgeschichte gerecht werden. Schon der von Macpherson geschaffene Gegenstand selbst ist seit je höchst umstritten. Es fehlen zuverlässige Quellen, aus denen diese Texte kompiliert, übersetzt oder dichterisch adaptiert wurden. Rezipiert wird also keine bloß literarische Überlieferung, sondern ein kaum überschaubarer Diskurs. Dazu gehören die Geschichte der Editionen, Übersetzungen und Kommentare; die Debatten um die Echtheit und die damit verknüpfte Frage der Genialität; die nationalen und patriotischen Projektionen auf die nordische Mythologie mit ihren ersehnten Rückgriffen auf einen naturpoetischen Urton des Volkes. Weitere Aspekte der Rezeption betreffen die Ästhetik des Erhabenen durch Ossians karge Landschaften, ferner das Problem der Intertextualität, denn Macpherson verwebt seine angeblich authentischen Quellen mit zahllosen Versatzstücken aus der Bibel, Homer, Vergil, Milton oder Shakespeare. Hinzu kommen die eigenwillige Vermischung der Epochen und die damit einhergehende Entmachtung der Antike, mit der Macphersons Ossian - wie im "Werther" - die Autorität Homers verdrängt.

Solche und weitere Fragen füllen den ersten systematischen Teil von Schmidts Studie, auf den dann drei historische Phasen der Rezeption folgen: Von den Anfängen in der Aufklärung mit Klopstock, Gerstenberg und Denis führt der Weg durch den Göttinger Hain mit Bürger und Stolberg zur Blütezeit im Sturm und Drang mit Goethe, Herder, Lenz, Moritz und Schiller. Die Spätphase reicht vom Ende des achtzehnten bis ins zwanzigste Jahrhundert, von Jean Paul, Hölderlin und Kleist über Friedrich Schlegel, Novalis, Fouqué und Arnim, über Uhland und die Grimms bis zu Hesse, Feuchtwanger, Johnson und Arno Schmidt. Dieser gewaltige monographische Teil ruht auf einem breiten bibliographischen Fundament von 250 Seiten, das nur eine "Auswahl" ist. Daran schließen sich im dritten Band sorgfältig kommentierte Neuausgaben von Macphersons Ossian-Dichtungen in deutscher Übertragung an, wobei Schmidt der moderneren Prosaübersetzung der "Works" von Schillers Freund Petersen von 1782 den Vorzug gegenüber der wirksameren Hexameter-Fassung von Michael Denis von 1768/69 gibt. Eine umfangreiche Sammlung von Wirkungsdokumenten bildet in Band IV den Abschluß dieser materialreichen und verdienstvollen Studie.


Das von Schmidt als "Ossianomanie" beschriebene Phänomen droht freilich zur Obsession zu werden, nicht nur am Umfang dieser Tetralogie gemessen. Schmidt schreibt die deutsche Literaturgeschichte im Zeichen Ossians um. Doch ist es wirklich immer der Barde, der hinter all den gesammelten Nebelleichen, Mondnächten, Gewitterstürmen oder Berghöhlen lauert? Schmidts Zauberformel für so manche Ähnlichkeit lautet "unmarkierter Verweis". Sie muß für ein weites semantisches Feld herhalten, das von Macphersons Ossian zweifellos bestellt wird, aber eben nicht von ihm allein.


Wenn bei Kleist beispielsweise Penthesilea die Trojaner vor sich hertreibt "wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk" oder Agnes das Gesicht von Ottokar mit einem "milden Morgenungewitter", sein Auge mit "Wetterleuchten" und sein Haar mit "Wolken, welche Blitze bergen", umschreibt, mag das durchaus an die dramatischen Wendungen Ossians erinnern. So "eindeutig", "deutlich" und "ohne das Vorbild Ossians nicht denkbar", wie Schmidt im höchsten Finderglück nahelegt, ist das jedoch nicht. Die schiere Zahl der Nachweise bucht der Verfasser für sich, oft muß er Parallelen aber auch erzwingen. So wird etwa die ossianische Metapher von den Kriegern, die in der Schlacht wie "leafless oaks" fallen, Kleists Lieblingsbild von der gesunden Eiche zugrunde gelegt, die im Sturm stürzt, weil der Wind im Unterschied zum abgestorbenen Baum kräftig in die Krone greifen kann. Diesmal sei es eben eine subtile Umdeutung, so Schmidt, die dennoch "eindeutig auf Macpherson" verweise. Erschöpft auf Seite 929 angelangt, steht der Leser wie oft in diesem Buch vor der schwierigen Entscheidung, ob er in Schmidts "quod erat demonstrandum" einstimmen soll.






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