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#1

RE: Ludwig Bechstein

in Bechsteinmärchen 10.04.2006 22:42
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Als Kind von Caroline Bechstein, einer Beamtentochter aus Altenburg und des französischen Emigranten Louis Hubert Dupontreau aus Fontenay-le-Comte in der Vendée kam Ludwig am 24. November 1801 in Weimar zur Welt und ist daselbst tags drauf auf den Namen Louis Clairant Hubert Dupontreau getauft worden. Die mittellose Mutter gab den Säugling in Pflege zu der bereits 63 Jahre alten Witwe Marie Elisabeth Wertheimer und ihrer unverheirateten 34-jährigen Tochter Friederike. 9 Jahre lebte der kleine Junge Louis nun so recht und schlecht in „Miethlingshänden“.

Erlösung aus diesem freudlosen und traurigen Kindheitsdasein nahte 1810, als der Gründer und Leiter der Forstakademie in Dreißigacker, Kammerrat Johann Matthäus Bechstein ihn an Kindes statt annahm. Ludwig wechselte nun von dem Weimarer Gymnasium an das eine dreiviertel Wegstunde entfernte in der Residenzstadt Meiningen gelegene Lyzeum. Ein guter Schüler ist Ludwig gewesen, nur ein bißchen faul und seine Lehrer beklagten sich manchmal darüber beim alten Forstrat. Anstatt zu lernen streifte Ludwig durch Wald und Flur seiner Umgebung, strich mit seinem Untermaßfelder Schulfreund Jahn durch die alte Wasserburg Untermaßfeld. Auch die geheimnisvollen Räume der Apotheke sind oft das Ziel der Unternehmungen beider Jungen gewesen, denn Vater Jahn war Apotheker. Die Faulheit verdroß den alten Forstrat Bechstein aber manchmal so sehr, daß er den Knaben als Strafe zum Stubenarrest in der Gesindestube verdonnerte. Hier erzählte der Kutscher Mönch dem phantasiebegabten Kind z. B. das Märchen vom Hörselberg. Daneben las Ludwig Räuber- und Ritterromane von C. G. Cramer, einem Lehrer an der Forstakademie, dessen Sohn wiederum ein Schulfreund von Ludwig war. Auch das geistige Umfeld der Schule, die vielen angehenden Akademiker wirkten sehr befruchtend auf die künstlerische und geistige Entwicklung des jungen Bechstein. In diese Dreißigackerer Zeit fallen die ersten dichterischen Versuche, so zur Konfirmation. Ein Spottgedicht auf die Schule und ihre Lehrer veranlaßten den Pflegevater, Ludwig, von der Schule zu nehmen, bevor dieser das Abitur abgelegt hatte. Was nun lernen? Den Jungen für die Naturwissenschaften zu interessieren, schlug fehl, was dem alten Forstrat mißfiel.

So wanderte Bechstein von Dreißigacker in das kleine thüringische Städtchen Arnstadt, um als Lehrling in die Kühnsche Apotheke einzutreten. Die Ausbildung enttäuschte ihn, denn anstatt Experimente zu machen, mußte er die Apotheke fegen, die vielen Kupferkessel, Mensuren und andere Gefäße schrubben, alles in allem untergeordnete Arbeiten. Nach der Eingewöhnung fing der Lehrling wieder mit dem Dichten an, lernte ein junges Mädchen namens Dorothea Rosamunde kennen. Durch sein geselliges Wesen scharte er schnell einen großen Freundeskreis zum Wandern um sich. Auch mancher Ball und viele Kneipen in und um Arnstadt sind besucht worden. Nach Abschluß der Lehre blieb der „Geselle“ Bechstein noch zwei Jahre in Arnstadt. In diese Zeit fällt die Veröffentlichung seines ersten größeren Werkes, die „Thüringischen Volksmährchen“, erschienen auf Wunsch der Verwandten unter dem Pseudonym C. Bechstein.
.......................

Im Herbst 1824 sagte Bechstein Arnstadt Ade, nahm in Meiningen eine Stelle als Gehilfe in der Meininger Hofapotheke an, bevor er Ende 1826 als Provisor an die Schwanen-Apotheke zum Apotheker Luther in das heutige Bad Salzungen wechselte. Die rechte Befriedigung fand er in der Apothekertätigkeit wohl doch nicht, und so stellte der Jungpharmazeut den wenig geliebten Broterwerb hinter seine „Dichterei“ und die Pflege der Geselligkeit mit einem neu aufgebauten Freundeskreis zurück.

Der seit 1821 regierende Herzog von Sachsen-Meiningen, Bernhard II. Erich Freund wurde auf die 1828 erschienen „Sonettenkränze“ aufmerksam, es kam zu einer folgenschweren Begegnung zwischen beiden. Im gleichen Jahr kehrte Bechstein nach Meiningen zurück und hing den Apothekerberuf an den Nagel. Ein Sonderstipendium ermöglichte die Aufnahme eines Studiums der Philosophie, Literatur und Geschichte in Leipzig und München. In dieser Zeit entstanden größere epische Werke: „Weissagung der Libussa“, „Haimonskinder“, „Der Totentanz“ und „Das tolle Jahr“ in Erfurt als Romanwerk. Nach seiner Rückkehr nach Meiningen ernannte ihm Bernhard II. am 10. November 1831 zum 2. Bibliothekar der herzoglich öffentlichen Bibliothek, weiterhin zum Kabinettsbibliothekar und zum Betreuer der Münz- und Medaillensammlung, 1833 zum 1. Bibliothekar.

Auf Einladung Bechsteins traf sich am 14. November 1832 eine Schar gleichgesinnter und historisch interessierter Männer aus der Residenzstadt, allesamt seinem Freundeskreis zuzurechnen, um den „Hennebergischen alterthumsforschenden Verein“ ins Leben zu rufen, dessen Direktor, bzw. Ehrenpräsident er bis zu seinem Tode blieb.

Davor, im August 1832, ehelichte Bechstein, Caroline Wiskemann, die Tochter eines Mechanikers aus Oechsen bei Vacha, die er in seiner Salzunger Apothekerzeit kennenlernte. Ein Jahr später erblickte Sohn Reinhold das Licht der Welt. Das Familienglück währte nur kurz, nach längerem Leiden verstarb seine Frau Karoline kurz vor Weihnachten 1834. Den tiefen Schmerz zu lindern, brach Bechstein zu einer mehrmonatigen Reise an den Rhein, nach Belgien und Nordfrankreich auf. In Paris kam es zur Begegnung mit Heinrich Heine. Literarisch verarbeitet sind die Reiseeindrücke in dem Werk „Reisetage“, 1836 erschienen, ohne den Hinweis darauf, daß er von der Existenz seines in Paris lebenden leiblichen Vaters wußte, bzw. diesen sogar besucht hatte.

Der Mittelpunkt seines geselligen Umgangs war, neben den Vereinsabenden des Hennebergischen altertums­forschenden Vereins, der sich nach seiner Rückkehr bildende, meistens sich in Benshausen treffende Freundeskreis,

Im Sommer 1836 heiratete Bechstein Therese Schulz aus Untermaßfeld. Sie gebar ihm sieben Kinder, das zweite starb im 2. Lebensjahr, das dritte kurz nach der Geburt und die letzten beiden waren Totgeburten. Reinhold, Professor der Germanistik in Rostock aus erster Ehe, aus zweiter Ehe Clara, die Nachlaßbetreuerin, der Ingenieur Wilhelm sowie der Maler und Illustrator Ludwig überlebten die Eltern.

Zu den Verpflichtungen des Bibliothekars traten auch archivarische Aufgaben. An der Verhinderung der Verlegung des Gemeinschaftlichen Hennebergischen Archivs nach Hildburg­hausen wirkte Bechstein als Direktor des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins mit. Nach der von ihm freiwillig mitgetragenen Verlagerung der Bestände in den Bibrasbau des Schlosses. 1835 erstellte er bei dieser Gelegenheit ein vorläufiges Archivverzeichnis der Bestände. Die Ordnung des Heldburger Bestandes stand schon 1831 als Aufgabe an. Es folgten seit 1844 Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten am Urkundenbestand und 1848 die Berufung zum gemeinschaftlichen hennebergischen Archivar durch Preußen und die sächsischen Unterhalterstaaten. Davor, 1847 die Ernennung zum Hofrat durch den Herzog Bernhard II. Erich Freund.

Aus Bechsteins Feder flossen in dieser Zeit sehr viele literarische Werke: Gedichte, Märchen, Sagen, Novellen, Romane, Dramen, Fremdenführer und Reiseberichte. 1840 der Einzug in sein Haus, das er liebevoll sein „Tusculum“ nannte. Die große Sammelleidenschaft, immense Kosten des Hausbaus und sein gastfreundliches Wesen sorgten dafür, daß Bechstein immer Geldsorgen hatte. Die Privatsammlung geschichtlicher Sachzeugen umfaßte viele Tausende Positionen. Größer waren sicher nur noch die herzoglichen Sammlungen. Es gab wohl kaum ein Gebiet, auf dem der historisch interessierte Dichter nicht sammelte. Einige seien genannt: Autographen, Holzschnitte, alte Kupferstiche, ethno­graphische und Kunstsachen, selbst Rüstungen, Stickereien, Chinoiserien, Bücher und anderes mehr. Bechsteins immense Arbeit als Forschender, Vortragender, Sammler und Publizist, sowie die Ausübung des Direktorats im Hennebergischen altertumsforschenden Vereins halfen dem Verein über manche Krise hinweg.

Um politische Zeitfragen kümmerte sich Ludwig Bechstein wenig. Die bürgerlich-demokratische Revolution und ihre Zielsetzung sind von ihm begrüßt worden. Die Enttäuschung kam - von umstürzlerischem Aufruhr und Gründung einer demokratischen Republik hielt er nichts. Letztendlich ist an dieser Haltung die langjährige Freundschaft mit Ludwig Storch zerbrochen. Bechstein lag es fern, Zeitkritik zu üben. Er war ein liebevoller Schilderer des bürgerlichen Milieus und mit dem Meininger Herzogshaus verband ihn zeitlebens eine herzliche Freundschaft. Ebenso angesehen und beliebt war Bechstein in breiteren Volkskreisen.

Auf dem Krankenbett liegend - er litt an Wassersucht und einem chronischen Leberleiden - schrieb Bechstein Novellen, doch am 14. Mai 1860 nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Drei Tage später, an einem schönen Frühlingsmorgen, ganz früh in aller Stille sind die sterblichen Überreste Ludwig Bechsteins unter Teilnahme vieler Meininger Einwohner auf dem Meininger Parkfriedhof in der heutigen Berliner Straße zur letzten Ruhe gebettet worden.

link zum LITERATURMUSEUM BAUMBACHHAUS , wo auch Bechsteins gedacht wird


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#2

RE: Ludwig Bechstein

in Bechsteinmärchen 11.04.2006 09:24
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

der MDR hatte im September 2003 eine interessante Sendung
link hier
folgenden Inhalts:
Standort: MDR.DE | Kultur | Kulturkalender
Der Erfolg des Märchenonkel" Ludwig Bechstein

Neben den Gebrüdern Grimm ist Ludwig Bechstein der deutsche Märchenerzähler. Genau genommen war er seinerzeit sogar erfolgreicher. 1845 erschien sein "Deutsches Märchenbuch" mit den Geschichten vom "Meisterdieb" oder den "Sieben Raben". Es fand mehr Liebhaber, als die Märchensammlung der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm aus Göttingen, die er so bewunderte.

Der sanfte Moralist Bechstein
Bereits im Jahr 1852 waren 70.000 Exemplare verkauft - eine ungeheure Zahl in einer Zeit, da das Buch ein Luxus-Gut und damit sehr teuer war. Viele Grimmsche Märchenstoffe kehren bei Bechstein wieder, nur klingen sie anders. Märchenkenner weisen darauf hin, dass sich zu jener Zeit die Grimmsche Sammlung noch durch eine Brutalität auszeichnete, die sich erst im "jahrzehntelangen Lektorat" von Verlegern, Märchenerzählern und Großmüttern milderte. Und vielleicht war Bechsteins sanftes Moralverständnis der Schlüssel seines Erfolgs, der für ihn nicht unbedingt ein finanzieller war.

Buch-Tipps

Bechstein, Ludwig: Gesammelte Werke
1. Märchenbücher
2. Sämtliche Sagenbücher
3. Volkskunde
4. Sämtliche Novellenanthologien Bd. 14.
Hexengeschichten Halle 1854. Reprint 1984. ISBN 3-487-08260-8 lieferbar
5. Sämtliche Romane und selbständig erschienene Novellen
6. Reisebeschreibungen
Hrsg. Wolfgang Möhring
Olms, Hildesheim.
Erschienen im Herbst 2001


Bechstein, Ludwig: Die schönsten Märchen
Hrsg. Hans-Jörg Uther
2 Bände
Hugendubel, München 2001
76,00 DM
ISBN: 3-424-01372-2

Bechstein, Ludwig: Ein Lesebuch
Hrsg. von Andreas Seifert
quartus-Verlag, Buch b. Jena 2001
24,80 DM
ISBN: 3 - 931 505-70-7


Ludwig Bechstein - Der sagenhafte Thüringer 1801 - 2001
Kalender zum 200. Geburtstag
mediaart, Jena 2001

Kurzbiografie Ludwig Bechstein

Als uneheliches Kind am 21. November 1801 in Weimar geboren, wurde Bechstein als Neunjähriger von einem Verwandten in Meiningen adoptiert. Er besuchte das Gymnasium und wurde Apotheker. Ein Gedichtband von Bechstein machte 1828 den Meininger Herzog auf den Autor aufmerksam und trug ihm ein Stipendium für ein Studium ein.

1832 gründete Bechstein in Meiningen den Hennebergischen alterthumsforschenden Verein. Daneben war er Mitglied weiterer historischer und philologischer Vereine und als Schriftsteller äußerst produktiv. 1845 erschien das "Deutsche Märchenbuch", doch auch um regionale Sagenstoffe kümmerte er sich, so erschien 1853 das Deutsche Sagenbuch und 1858 das Thüringer Sagenbuch.


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#3

RE: Ludwig Bechstein

in Bechsteinmärchen 04.06.2006 22:04
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Ludwig Bechstein zählte zu den beliebtesten und eifrigsten Märchenherausgebern des 19. Jahrhunderts. Er sammelte Märchen und Sagen vor allem im Umkreis seiner Heimat, in Thüringen, Franken und Böhmen, und setzte damit die noch junge Tradition fort, Überlieferungen aus dem Volksmund schriftlich zu fixieren. Im Gegensatz zu den Brüdern Grimm entnahm er viele seiner Märchenstoffe bereits gedruckten Quellen, um sie auf seine spätromantische Weise neu zu erzählen. Mit großer Freude am Fabulieren schilderte er das Märchengeschehen sehr lebendig und malte es breit aus. In seinen Märchen wechseln eine schlichte Erzählweise, die - seiner Auffassung nach - dem eigentlichen Märchenton entspricht, und ein gefühlvoller, manchmal gespreizter Stil. Charakteristisch für Bechsteins Märchen sind ferner witzige, humorvolle und parodistische Fügungen, ein moralisierender Unterton sowie treffende zeitkritische Elemente. Die Märchen der vorliegenden Ausgabe entstammen dem Deutschen Märchenbuch von 1845, Ludwig Bechsteins Märchenbuch von 1857 (der zweiten, von Ludwig Richter illustrierten Ausgabe) und dem Neuen Deutschen Märchenbuch von 1856.

Märchen


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