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RE: Nr. 198 Jungfrau Maleen

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 03.01.2006 23:30
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Es war einmal ein König, der hatte einen Sohn, der warb um die Tochter eines mächtigen Königs, die hieß Jungfrau Maleen und war wunderschön. Weil ihr Vater sie einem andern geben wollte, so ward sie ihm versagt. Da sich aber beide von Herzen liebten, so wollten sie nicht voneinander lassen und die Jungfrau Maleen sprach: „ Vater, ich kann und will keinen anderen zu meinem Gemahl nehmen.“ Da geriet der Vater in Zorn und er ließ einen finsteren Turm bauen, in den kein Strahl von Sonne oder Mond fiel. Als der fertig war, sprach er: „ Darin sollst Du sieben Jahre lang sitzen, dann will ich kommen und sehen, ob dein trotziger Sinn gebrochen ist.“ Sie ward mit ihrer Kammerjungfer hineingeführt und eingemauert und also von Himmel und Erde geschieden. Da saßen sie in der Finsternis, wussten nicht, wann Tag oder Nacht anbrach.
Der Königssohn ging oft um den Turm herum und rief ihren Namen, aber kein Laut drang von außen durch die dicken Mauern. Was konnten sie anders tun als jammern und klagen? Indessen ging die Zeit dahin und die sieben Jahre näherten sich ihrem Ende. Sie dachten, der Augenblick ihrer Erlösung wäre gekommen, aber kein Hammerschlag ließ sich hören und kein Stein wollte aus der Mauer fallen. Es schien, als ob ihr Vater sie vergessen hätte. Als sie nur noch für kurze Zeit Nahrung hatten und einen jämmerlichen Tod voraussahen, da sprach die Jungfrau Maleen: „ Wir müssen das Letzte versuchen und sehen, ob wir die Mauer durchbrechen.“ Sie nahm ein Messer, grub und bohrte an dem Mörtel eines Steins und wenn sie müd war, so löste die Kammerjungfer sie ab.
Nach langer Arbeit gelang es ihnen, einen Stein herauszunehmen, dann einen zweiten und dritten und nach drei Tagen fiel der erste Lichtstrahl in ihre Dunkelheit und endlich war die Öffnung so groß, dass sie hindurchschlüpfen konnten. Der Himmel war blau und eine frische Luft wehte ihnen entgegen, aber wie traurig sah ringsumher alles aus, das Schloss ihres Vaters lag in Trümmern, die Stadt und die Dörfer waren, soweit man sehen konnte, verbrannt und keine Menschenseele ließ sich blicken. Die Feinde hatten alle Einwohner erschlagen, wohin sollten sie sich nun wenden? Sie wanderten fort um ein anderes Land zu suchen, aber sie fanden nirgend ein Obdach oder einen Menschen, der ihnen einen Bissen Brot gab und ihre Not war so groß, dass sie ihren Hunger stillten an einem Brennnesselstrauch.
Als sie nach langer Wanderung in ein anderes Land kamen, boten sie überall ihre Dienste an, aber wo sie auch anklopften wurden sie abgewiesen und niemand wollte sich ihrer erbarmen. Schließlich gelangten sie in eine große Stadt und gingen nach dem königlichen Hof. Aber auch da hieß man sie weitergehen, bis endlich der Koch sagte, sie könnten in der Küche bleiben und als Aschenputtel dienen.
Der Sohn des Königs in dessen Reich sie sich befanden, war aber gerade der Verlobte der Jungfrau Maleen gewesen. Der Vater hatte ihm eine andere Braut bestimmt, die ebenso hässlich von Angesicht als bös von Herzen war. Die Hochzeit war festgesetzt und die Braut schon angelangt. Wegen ihrer großen Hässlichkeit ließ sie sich von niemand sehen und schloss sich in ihrer Kammer ein und die Jungfrau Maleen musste ihr das Essen bringen. Als der Tag herankam, wo die Braut mit dem Bräutigam in die Kirche gehen sollte fürchtete sie, von den Leuten auf der Straße wegen ihrer Hässlichkeit verspottet und ausgelacht zu werden. Sie sprach zur Jungfrau Maleen: „ Dir steht ein großes Glück bevor, ich habe mir den Fuß vertreten und kann nicht gut über die Straße gehen. Du sollst meine Brautkleider anziehen und meine Stelle einnehmen. Eine größere Ehre kann Dir nicht zuteil werden.“ Die Jungfrau Maleen aber schlug es aus und sagte: „ Ich verlange keine Ehre, die mir nicht gebührt.“ Es war auch vergeblich, dass sie ihr Gold anbot. Endlich sprach sie zornig: „ Wenn Du mir nicht gehorchst, so kostet es dich dein Leben. Ich brauche nur ein Wort zu sagen, dann wirst Du geköpft.“ Da musste sie gehorchen und die prächtigen Brautkleider anlegen. Als sie in den königlichen Saal eintrat erstaunten alle über ihre große Schönheit und der König sagte zu seinem Sohn: „Das ist die Braut, die ich dir ausgesucht habe und die du zur Kirche führen sollst.“ Der Bräutigam erstaunte und dachte:
„ Sie gleicht meiner Jungfrau Maleen und ich würde glauben, sie wäre es selbst aber die ward vor langer Zeit im Turm gefangen und ist wohl tot.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie zur Kirche. An dem Wege stand ein Brennesselbusch, da sprach sie:

Brennesselbusch,
Brennesselbusch so klein
was stehst du hier allein?
Ich war vor Zeiten so in Not,
da aß ich roh dich ohne Brot.

Der Königssohn fragte „ Was sprichst du da?“ „Nichts“ antwortete sie „ich dachte nur an die Jungfrau Maleen.“ Er verwunderte sich, dass sie von ihr wusste, schwieg aber still. Als sie an den Steg vor dem Kirchhof kamen, sprach sie:

„Kirchensteg brich nicht,
bin die rechte Braut nicht.“

Der Königssohn fragte „ Was sprichst du da?“ „Nichts“ sagte sie „ich dachte nur an die Jungfrau Maleen.“ „Kennst du die Jungfrau Maleen?“ „Nein“ antwortete sie „wie sollt ich sie kennen, ich habe nur von ihr gehört.“ Als sie an die Kirchentür kamen, sprach sie abermals:

„Kirchentür brich nicht,
bin die rechte Braut nicht“

„Was sprichst du da?“ fragte er. “Ach“ antwortete sie, “ich habe nur an die Jungfrau Maleen gedacht.“ Da zog er ein kostbares Geschmeide hervor, legte es ihr um den Hals und schloss es. Darauf traten sie in die Kirche und der Priester legte vor dem Altar ihre Hände ineinander und vermählte sie. Der Prinz führte sie zum Schloss zurück, aber sie sprach auf dem ganzen Weg kein Wort. Angekommen eilte sie in die Kammer der Braut, legte die prächtigen Kleider ab, zog ihren grauen Kittel an und behielt nur das Geschmeide, das sie von dem Bräutigam empfangen hatte.
Als die Nacht herankam und die Braut in das Zimmer des Königssohns sollte geführt werden, ließ diese den Schleier über das Gesicht fallen, damit er den Betrug nicht merken sollte. Sobald alle Leute fort gegangen waren sprach er zu ihr: „Was hast du doch zu dem Brennnesselbusch gesagt, der an dem Weg stand?“ „ Zu welchem Brennnesselbusch?“ fragte sie, „Ich sprech mit keinem Brennnesselbusch.“ „Wenn du das nicht getan hast, so bist du die rechte Braut nicht.“ sagte er. Da half sie sich und sagte:

„Ich geh schnell meine Magd fragen
die muss meine Gedanken tragen.“

Sie ging hinaus zur Jungfrau Maleen und fuhr sie an: „Was hast du zu dem Brennnesselbusch gesagt?“ „Ich sagte nichts als:

Brennesselbusch,
Brennesselbusch so klein
was stehst du hier allein?
Ich war vor Zeiten so in Not,
da aß ich roh dich ohne Brot.

Die Braut lief in die Kammer zurück und sagte: „Jetzt weiß ich was ich zu dem Brennnesselbusch gesprochen habe.“ und wiederholte die Worte, die sie eben gehört hatte. „Aber was sagtest du zu dem Kirchensteg, als wir darüber gingen?“ fragte der Königssohn. „Zu dem Kirchensteg?Ich sprech mit keinem Kirchensteg.“ „Dann bist du die rechte Braut nicht.“ Sie sagte wiederum:

„Ich geh schnell meine Magd fragen
die muss meine Gedanken tragen.“

Sie lief hinaus und fuhr die Jungfrau Maleen an: “Was hast du zu dem Kirchensteg gesagt?“ „Ich sagte nichts als:

„Kirchensteg brich nicht,
bin die rechte Braut nicht.“

„Das kostet dich dein Leben“ rief die Braut, eilte aber in die Kammer und sagte:“ Jetzt weiß ich, was ich zu dem Kirchensteg gesprochen habe.“ und wiederholte die Worte. „Aber was sagtest du zur Kirchentür?“ „Zur Kirchentür? antwortete sie, „Ich spreche mit keiner Kirchentür.“ „Dann bist du auch die rechte Braut nicht.“ Sie ging hinaus und fuhr die Jungfrau Maleen an: “Was hast du zur Kirchentür gesagt?“ „Ich sagte nichts als:

„Kirchentür brich nicht,
bin die rechte Braut nicht“

„Das bricht dir den Hals“ rief die Braut und geriet in den größten Zorn, eilte aber zurück in die Kammer und sagte: „Jetzt weiß ich, was ich zu der Kirchentür gesprochen habe.“ und wiederholte die Worte.
„Aber wo hast du das Geschmeide, das ich dir an der Kirchentür gab?“ „Was für ein Geschmeide“ antwortete sie, „du hast mir kein Geschmeide gegeben.“ „Ich habe es dir um den Hals gelegt und selbst verschlossen, wenn du das nicht weißt, bist du die rechte Braut nicht.“ Er zog ihr den Schleier vom Gesicht und als er ihre bodenlose
Hässlichkeit erblickte, sprang er erschrocken zurück und sprach:“ Wie kommst du hierher? Wer bist du?“ „Ich bin deine verlobte Braut, aber weil ich befürchtete, die Leute würden mich verspotten, wenn sie mich draußen erblickten, so habe ich dem Aschenputtel befohlen, meine Kleider anzuziehen und statt meiner zur Kirche zu gehen“
„Wo ist das Mädchen?“ sagte er, “ich will sie sehen, geh und hol sie hierher.“ Sie ging hinaus und sagte den Dienern, Aschenputtel sei eine Betrügerin, sie sollten sie in den Hof führen und ihr den Kopf abschlagen. Die Diener packten die Jungfrau Maleen und wollten sie fortschleppen, aber sie schrie so laut um Hilfe, dass der Königssohn ihre Stimme vernahm, aus dem Zimmer eilte und den Befehl gab, das Mädchen augenblicklich loszulassen. Es wurden Lichter herbeigeholt und da bemerkte er an ihrem Hals den Goldschmuck, den er ihr vor der Kirchentür angelegt hatte. „Du bist die rechte Braut“ sagte er, „die mit mir in die Kirche gegangen ist, komm mit mir in meine Kammer.“ Als sie beide allein waren, sprach er: „Du hast auf dem Kirchgang die Jungfrau Maleen genannt, die meine verlobte Braut war; wenn ich dächte, es wäre möglich, so müsste ich glauben, sie stände vor mir, du gleichst ihr in allem.“ Sie antwortete:“ Ich bin die Jungfrau Maleen, die um dich sieben Jahre in der Finsternis gefangengesessen, Hunger und Durst gelitten und so lange in Not und Armut gelebt hat; aber heute bescheint mich die Sonne wieder. Ich bin dir in der Kirche angetraut und bin deine rechtmäßige Gemahlin.“ Da küssten sie einander und waren glücklich für ihr Lebtag. Der falschen Braut aber ward zur Vergeltung der Kopf abgeschlagen. Der Turm, in welchem die Jungfrau Maleen gesessen hatte, stand noch eine lange Zeit und erinnerte an die Prinzessin, die aus Liebe sieben Jahre in der Finsternis saß.


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