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RE: KHM 31 Das Mädchen ohne Hände

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 24.09.2008 11:42
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Das Mädchen ohne Hände (1857)



Ein Müller war nach und nach in Armut geraten und hatte nichts mehr als seine Mühle und einen grossen Apfelbaum dahinter. Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte, und sprach: "Was quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht."

"Was kann da anders sein als mein Apfelbaum?" dachte der Müller, sagte "ja", und verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und sagte: "Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir gehört", und ging fort. Als der Müller nach Haus kam, trat ihm seine Frau entgegen und sprach: "Sage mir, Müller, woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? Auf einmal sind alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hat’s hereingebracht, und ich weiß nicht, wie es zugegangen ist."
Er antwortete: "Das kommt von einem fremden Manne, der mir im Walde begegnet ist und mir grosse Schätze verheilen hat; ich habe ihm dagegen verschrieben, was hinter der Mühle steht: den grossen Apfelbaum können wir wohl dafür geben." "Ach, Mann", sagte die Frau erschrocken, "das ist der Teufel gewesen: den Apfelbaum hat er nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle und kehrte den Hof."

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahekommen. Zornig sprach er zum Müller: "Tu ihr alles Wasser weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt über sie." Der Müller fürchtete sich und tat es.

Am andern Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen und sprach wütend zum Müller: "Hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben." Der Müller entsetzte sich und antwortete: "Wie könnt ich meinem eigenen Kinde die Hände abhauen!"
Da drohte ihm der Böse und sprach: "Wo du es nicht tust, so bist du mein, und ich hole dich selber."
Dem Vater ward angst, und er versprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem Mädchen und sagte: "Mein Kind, wenn ich dir nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst hab ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Not und verzeihe mir, was ich Böses an dir tue."
Sie antwortete: "Lieber Vater, macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Kind." Darauf legte sie beide Hände hin und liess sie sich abhauen.

Der Teufel kam zum drittenmal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Stümpfe geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er weichen und hatte alles Recht auf sie verloren. Der Müller sprach zu ihr: "Ich habe so grosses Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten."
Sie antwortete aber: "Hier kann ich nicht bleiben: ich will fortgehen; mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben, als ich brauche."
Darauf liess sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und ging den ganzen Tag, bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, dass Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte, und der Hunger sie quälte, so dachte sie: "Ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten ässe, sonst muss ich verschmachten."
Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben trocken ward und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten, und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der Engel dabeistand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie gesättigt, und ging und versteckte sich in das Gebüsch.

Der König, dem der Garten gehörte, kam am anderen Morgen herab, da zählte er und sah, dass eine der Birnen fehlte, und fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre: sie läge nicht unter dem Baume und wäre doch weg.
Da antwortete der Gärtner: "Vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine Hände und ass eine mit dem Munde ab." Der König sprach: "Wie ist der Geist über das Wasser hereingekommen? Und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne gegessen hatte?"
Der Gärtner antwortete: "Es kam jemand in schneeweissem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und weil es ein Engel muss gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der König sprach: "Verhält es sich, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen."
Als es dunkel ward, kam der König in den Garten, und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum, und aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen Kleide.
Da ging der Priester hervor und sprach: "Bist du von Gott gekommen oder von der Welt? Bist du ein Geist oder ein Mensch?" Sie antwortete: "Ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht."
Der König sprach: "Wenn du von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen."
Er nahm sie mit sich in sein königliches Schloss, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr silberne Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin. Nach einem Jahr musste der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Königin seiner Mutter und sprach:"Wenn sie ins Kindbett kommt, so haltet und pflegt sie wohl und schreibt mir’s gleich in einem Briefe."

Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht. Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er von dem langen Wege ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit einem andern, darin stand, dass die Königin einen Wechselbalg zur Welt gebracht hätte.

Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin mit ihrem Kinde töten.
Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, konnte es nicht glauben und schrieb dem Könige noch einmal, aber sie bekam keine andere Antwort, weil der Teufel dem Boten jedesmal einen falschen Brief unterschob; und in dem letzten Briefe stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin aufheben.
Aber die alte Mutter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte vergossen werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf.
Dann sprach sie zu der Königin: "Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darfst du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kind in die weite Welt hinein und komme nie wieder zurück."
Sie band ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging mit weiniglichen Augen fort.

Sie kam in einen grossen wilden Wald, da setzte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie zu seinem kleinen Haus, darin war ein Schildchen mit den Worten "Hier wohnt ein jeder frei."
Aus dem Häuschen kam eine schneeweiße Jungfrau, die sprach: "Willkommen, Frau Königin", und führte sie hinein.
Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemachtes Bettchen.
Da sprach die arme Frau: "Woher weißt du, dass ich eine Königin war?"
Die weiße Jungfrau antwortete: "Ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen."
Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen Hände wieder.

Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war, dass er seine Frau mit dem Kind sehen wollte.
Da fing die alte Mutter an zu weinen und sprach: "Du böser Mann, was hast du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen sollte!" und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse verfälscht hatte, und sprach weiter: "Ich habe getan, wie du befohlen hast", und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen.
Da fing der König an noch viel bitterlicher zu weinen über seine arme Frau und sein Söhnlein, dass es die alte Mutter erbarmte und sie zu ihm sprach: "Gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen genommen, deiner Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rücken gebunden, und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat versprechen müssen, nie wieder hierher zu kommen, weil du so zornig über sie wärst."

Da sprach der König: "Ich will gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und nicht trinken, bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekommen oder Hungers gestorben sind."
Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte, sie wäre verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schildchen war mit den Worten "Hier wohnt [ein] jeder frei."
Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein und sprach: "Seid willkommen, Herr König", und fragte ihn, wo er herkäme.
Er antwortete: "Ich bin bald sieben Jahre umhergezogen und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden."
Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen, und deckte ein Tuch über sein Gesicht. Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit ihrem Sohne saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und sprach zu ihr: "Geh heraus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekommen." Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht.

Da sprach sie: "Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch auf und deckte ihm sein Gesicht wieder zu."
Das Kind hob es auf und deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen.
Da ward das Knäbchen ungeduldig und sagte: "Liebe Mutter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der Welt. Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da hast du gesagt, mein Vater wär im Himmel und wäre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann kennen? Der ist mein Vater nicht."
Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte, wer sie wäre.
Da sagte sie: "Ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzenreich."
Und er sah ihre lebendigen Hände und sprach: "Meine Frau hatte silberne Hände."
Sie antwortete: "Die natürlichen Hände hat mir der gnädige Gott wieder wachsen lassen"; und der Engel ging in die Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm.
Da sah er erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küsste sie und war froh, und sagte: "Ein schwerer Stein ist von meinem Herzen gefallen."
Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen, und dann gingen sie nach Haus zu seiner alten Mutter. Da war große Freude überall, und der König und die Königin hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#2

RE: KHM 31 Das Mädchen ohne Hände

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 24.09.2008 11:45
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Das Mädchen ohne Hände
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie


Das Mädchen ohne Hände ist ein Märchen (Typ 706 nach Aarne und Thompson), das in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 31 enthalten ist (KHM 31).


Inhalt

Ein armer Müller begegnet im Wald einem alten Mann, der ihn reich macht im Tausch gegen das, was hinter seiner Mühle ist. Er denkt, das wäre sein Apfelbaum, aber es ist seine Tochter. Nach drei Jahren kommt der Teufel sie holen, doch die Fromme hat sich rein gewaschen. Als ihr Vater ihr das Wasser wegnimmt, weint sie auf ihre Hände. Der Vater, vom Teufel eingeschüchtert, schlägt sie ihr ab, doch sie weint auf die Stümpfe, und der Teufel muss aufgeben. Ihr Vater bietet an, sie zu versorgen, doch sie wandert fort und kommt zu des Königs Garten, wo sie sich von Äpfeln ernährt. Der Königssohn, statt sie dafür zu verbannen, lässt sie die Hühner hüten. Er gewinnt sie lieb und heiratet sie, worauf sein Vater stirbt. Sie bekommt einen Sohn, während ihr Mann im Krieg ist. Der Teufel vertauscht ihre Briefe, so dass sie mit dem Kind verbannt wird. Im Wald begegnet ihr ein Mann, der sie die Arme um einen Baum schlingen lässt, dass die Hände wieder anwachsen und sie in einem Haus warten lässt, bis jemand dreimal in Gottes Namen um Einlass bittet. Ihr Mann kommt mit einem Diener, der das Licht sieht und rasten will. Der König bittet dreimal in Gottes Namen. Sie macht auf, er erkennt sie und alle gehen heim.

Grimms Anmerkungen

Das Märchen war in der Erstauflage von 1812 nach einer Quelle aus Hessen (Marie Hassenpflug) enthalten, von der nur der weniger drastische Anfang und das Briefevertauschen durch den Teufel blieb. Dort muss das Mädchen vor der Heirat eine Zeitlang die Hühner hüten, und die Glieder wachsen nach, nachdem ein Alter im Wald sie die Hände um einen Baum schlingen lässt.

Ab der Zweitauflage beruht der Text sonst auf einer Version aus Zwehrn (von Dorothea Viehmann). Sie begann so, dass der Vater seine Tochter heiraten wollte und als sie sich weigerte, ihr Hände und Brüste abschnitt und sie in einem weißen Hemd fortjagte. Die Briefe vertauscht hier die Schwiegermutter.

In einer dritten Variante aus dem Paderbörnischen ist wie die aus Zwehern. Statt des Engels leitet ein Licht vom Himmel das Mädchen. Es sieht im Wald ein blindes Mäuschen, das den Kopf in ein Wasser hält und so wieder sehend wird, und heilt so seine Hände.

In einer vierten Erzählung aus dem Meklenburgischen schneidet der Vater der Tochter die Zunge, dann die Hand, dann den Arm ab, weil sie immer betet und das Kreuz schlägt. Auf den Rat eines Mannes zieht die Siebenjährige deshalb fort und kommt bei einem Jäger im Stall mit des Grafen Hunden unter. Der Graf nimmt sie an den Hof, wo sie einem Bettler begegnet, der ihr für ihr Almosen einen Stab gibt. Damit wandert sie bis zu einem Wasser, in dem ihr Zunge und Arm geschwommen kommen und anwachsen. Sie geht zurück und heiratet den Grafen.

In einem hessischen Erzählfragment wird die Mutter mit zwei Kindern verstoßen, wobei ihr zwei Finger abgehauen werden, die die Kinder tragen. Sie werden von Tieren geraubt und zu Küchenjungen, die Mutter Waschfrau.
Die Brüder Grimm bemerken, dass mittelalterliche Sagen wie Mai und Beastor oder Die schöne Helena offenbar vollständig aus diesem Märchen stammen. Sie nennen weitere Literaturstellen.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#3

RE: KHM 31 Das Mädchen ohne Hände

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 24.09.2008 11:47
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Märcheninterpretation „Das Mädchen ohne Hände“ -

oder: „Der lange Weg zum Ich, zur eigenen Identität“

Quelle: http://p8277.typo3server.info/?id=121




1. Die Kindheit / Das „Vorleben“

Das Mädchen ohne Hände wird in die Familie des Müllers hineingeboren. Der Müller verarmt, er ist auch ziemlich „dumm“, besser gesagt er schließt einen Pakt mit dem Teufel in dem er „unwissend“ seine Tochter „verkauft“. Die Tochter hat es schwer, auf solcher Basis ein eigenes Leben zu beginnen. Sie liebt ihren Vater und sie schenkt ihm ihr Leben, sie läßt sich die Hände abhacken und läßt sich somit auf grausigste Art ihres eigenen Antriebes, ihrer eigenen Identität, ihrer eigenen Entwicklungsmöglichkeiten berauben. Obwohl damit bei den „Müllers“ Reichtum einkehrt, weiß das Mädchen genau: „..hier kann ich nicht bleiben, ich will fortgehen..“. Damit endet das Leben des Mädchens in der bisherigen Form auch bereits. Denn ein Leben in so einer Umgebung, das ist würdelos, das raubt einem das Ich.



2. Die orale Bedürfnisbefriedigung / Der erste Schritt ins neue Leben

„..sie aß eine Birne vom Baum mit dem Munde ab..“ - Das Mädchen ohne Hände ist alleine nicht lebensfähig. Wie ein Säugling an der Mutterbrust ernährt sich das Mädchen am „Busen der Natur“. Das Mädchen geht davon aus, daß ihr von Gottes Hand gegeben wird, was sie zum Überleben braucht. Das Mädchen muß dafür selbstverständlich auch keine „Leistung“ bringen, wie sollte es auch so ganz ohne Hände? So wie das Mädchen durch den Verlust ihrer Hände den Eltern Reichtum geschenkt hat, so bekommt sie jetzt von Gottes Hand, vom Busen der Natur, und wenig später vom König vieles geschenkt. Die Birnen vom Baum des Lebens, die silbernen Hände, die Liebe des Königs (sie wird seine Gemahlin), und damit den Reichtum des Königs, das alles bekommt das Mädchen geschenkt. Das muß bzw. kann jetzt (noch) nicht verdient und erarbeitet werden. Das steht ihr zu, so wie einem Kleinkind das Anrecht auf die Mutterbrust. Das Mädchen befindet sich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung in der oralen Phase - so würde Sigmund Freud vielleicht sagen.



3. Die silbernen Hände / Leistung der Sozialarbeit und der Psychotherapie

Das Mädchen besitzt noch keine eigene Identität. Die silbernen Hände sind fremde Hände, es sind Krücken, die manches ermöglichen. Die silbernen Hände interpretiere ich als alles das, was dem Mädchen von anderen mitgegeben werden kann auf dem bevorstehenden beschwerlichen Weg zur Selbstfindung, zur Selbständigkeit und zur weiteren geistigen und körperlichen Lebensentwicklung.

Die silbernen Hände offenbaren den Handlungsspielraum der Sozialarbeiter, der Psychotherapeuten und aller Freunde und Helfer des Mädchens.



4. Der Konflikt mit dem König / Ein erster Schritt in die Selbständigkeit

Das Mädchen bekommt ein Kind, und der König muß ins Feld ziehen. Die Briefe zwischen dem König und seiner Gemahlin werden von einem Boten überbracht und vom Teufel jeweils vertauscht und das Königspaar ist weit voneinander entfernt (der Krieg findet in einem fernen Land statt). Wie treffend beschreibt das Märchen mit diesen Bildern den Konflikt zwischen den Eheleuten, die sich innerlich weit voneinander entfernt haben (obwohl sie sich lieben), die im Streit aneinander vorbeireden: die Aussagen des einen kommen beim andern ganz anders an als sie eigentlich gemeint sind... Viel treffender als mit der Symbolik der vertauschten Briefe kann man solche Konflikte nicht beschreiben.

Aber der Konflikt schadet dem Mädchen nicht. Es ist sogar ganz wichtig, in dieser Phase das Königreich zu verlassen. Das Mädchen schafft das natürlich noch nicht aus Eigeninitiative - es wird verjagt. Es ist dies die erste Stelle im Märchen, wo das Mädchen den Ansatz einer eigenen Identität hat: das Kind ist ihr Sohn, und der an sich tragische Konflikt mit dem König zeigt auch, daß die beiden - obwohl sie sich lieben - unterschiedliche Persönlichkeiten sind.



5. Die Selbstfindung des Mädchens / Sieben Jahre harte Arbeit

Das Mädchen geht nun, betet zu Gott und kommt endlich an ein Haus mit dem Schild: „Hier wohnt jeder frei“. Es ist ein kleines Haus im Vergleich zum Königreich, es ist bescheiden eingerichtet und es ist belebt vom Glauben an Gott. Es ist dies das Haus der eigenen inneren Freiheit, das Haus der Eigenständigkeit, der Selbstfindung. Sieben Jahre lebt das Mädchen in diesem Haus, getragen von Gottvertrauen entwickelt es Selbstvertrauen: eine eigenständige Persönlichkeit, ein Selbstwertgefühl, ein Verantwortungsbewußtsein (in erster Linie für das Kind).

Diese siebenjährige Entwicklung, das ist harte Arbeit des Mädchens am Ich, an der eigenen Identität. Diese Arbeit wird belohnt mit dem Nachwachsen der Hände. Die Leistung der Helfer waren die silbernen Hände, die Krücken. Die eigene Leistungsfähigkeit wird symbolisiert durch das Nachwachsen der eigenen Hände. Jetzt ist das Mädchen eine vollständige Erwachsene geworden, die es ganz aus eigener Kraft schaffen kann.

Das Mädchen ohne Hände wohnt im Hause „frei“, ebenso wie sie das Leben, die Früchte des Baumes, die silbernen Hände geschenkt bekam. Die eigenen Hände aber bekommt man nicht geschenkt. Die müssen wachsen, sich entwickeln aus dem eigenen Ich.

Wie ist das genau gemeint? Was würde passieren, wenn das Mädchen im Königreich bleiben könnte? - Die Versuchung wäre dann riesig groß, weiter „vom Baum mit dem Mund zu essen“, also auf die unselbständige orale Phase der Bedürfnisbefriedigung zurückzufallen und sich „bedienen zu lassen“. Die Versuchung ist da, mit den geschenkten Schätzen des Königsreiches ein Leben mit silbernen Händen im goldenen Käfig zu führen, ein Leben in Passivität, in einer Umgebung die man sich nicht selbst geschaffen hat, und auch nicht „verdient“ hat.

Ich bin entschieden der Meinung das man sich die eigene Identität schwer erarbeiten muß, daß man sie nicht geschenkt bekommt, das nachfolgende Geschenk darauf ist das Glück, das dann in die Königsfamilie einkehrt. Es ist gefährlich wenn man sieht, wie man in einem Königreich leben kann, ohne arbeiten zu müssen, wie man „bedient wird“, was es alles an Kostbarkeiten zu essen und zu trinken gibt und wenn man darauf anspricht und das für Glück hält. Es gibt eben Dinge, die man besser selbst erledigt, wo man nicht um fremde Hilfe bitten sollte, wo man eine „vorübergehende Armut“ in Kauf nehmen sollte.

Der unbequemen Ichfindung kann man nicht aus dem Weg gehen. Diesbezügliche Versuche wie etwa: die Umgebung in der man leben muß, ist schuld, die andern haben es viel leichter, die Voraussetzungen sind so schlecht, die allgemeine physische Verfassung erlaubt dieses und jenes nicht. Diese Möglichkeiten werden einem nicht geboten usw. Manche werden neidig, weils die andern scheinbar besser haben, manche stellen schamlose Ansprüche, weil sie glauben, dieses und jenes steht ihnen automatisch zu, manche flüchten in die Krankheit, weil sie dann automatisch „bemuttert“ und gepflegt werden. Allesamt Rückschritte in die Unselbständigkeit bis hin zurück zur Phase des Kleinkindes mit seiner oralen Bedürfnisbefriedigung durch einen großzügigen Spender...

Auf die silbernen Hände der Helfer setzen kann also auch gefährlich sein, denn es verbaut den Weg zur eigenen „richtigen“ Selbständigkeit.



6. Die Selbstfindung des Königs

In welcher Situation ist eigentlich der König in dieser Geschichte? Hat er sich das Königreich verdient? Muß er sich nichts mühsam erarbeiten?

Als der König vom Felde zurückkehrt und die Konsequenzen der Mißverständnisse zwischen seiner Frau und ihm erfährt, beschließt er: „Ich will gehen, soweit der Himmel blau ist, und nicht essen und trinken bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe“. Der König kasteit sich, er diszipliniert sich durch Fasten, er sucht damit seinen eigenen Anteil an Schuld am Konflikt mit seiner Gattin. So geht auch er einen harten siebenjährigen Weg. Am Ziel dieses Weges findet er seine Frau. Aber diesmal tritt er nicht als der Helfer auf, der ihr das Leben erst ermöglicht, diesmal kommt er nicht „von oben“, diesmal betritt er als Gast das Haus einer eigenständigen und liebenden Person, einer wahren und würdevollen Königin (mit eigenen Händen), mit der er nun nochmals Vermählung feiert.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#4

RE: KHM 31 Das Mädchen ohne Hände

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 27.09.2008 10:41
von Kerstin66 | 14 Beiträge | 14 Punkte

Hallo liebe Gemini,

vielen Dank, dass Du dieses besondere Märchen hier - samt Interpretation - hier eingestellt hast.

Ich habe dieses Märchen letztens auch in dem Buch "Der tiefe Brunnen - Astrologie und Märchen " von Claus Riemann gefunden.

Er ordnet dieses Märchen dem Sternzeichen "Fische" zu und schreibt hier:

Dieses Märchen enthält besonders viele Fische Elemente (...) Da sagt er zu dem Kind "Es tut mir entsetzlich leid, aber wenn Du nicht zum Teufel gehst, dann müssen wir alle verhungern" - ein schönes Wort, jemaden zum Teufel zu schicken. Das Mädchen ist nicht etwas empört, wie das Widder-Mädchen es vielleicht wäre, sondern es versteht den Vater und sagt "Macht mit mir was ihr wollt, ich bin Euer Kind"... (...) Das Mädchen in dieser Geschichte muss unglaublich viel erdulden und erleiden der Sohn, den sie gebiert, trägt den Namen "Schmerzensreich".

Hier wird ein zentrales Fische-Problem dargestellt: die Bereitschaft, sich anderen Menschen zuliebe - in diesem Fall dem Vater zuliebe - "handlungsunfähig" machen zu lassen. Sich vom Vater die Hände abhacken zu lassen ist ein aussagekräftiges Bild dafür. (....) die vor lauter Verständis für die Standpunkte anderer sich nicht das Recht auf ihren eigenen nehmen , das Wort "ich" oder gar "ich will" - kommt in ihrem Wortschatz nicht vor. Da kann das Motto lauten "Lieber ich als Du", dass heisst, lieber geht es mir schlecht, als dass ich zusehen muss, dass Du leidest. Im Extremfall : Lieber sterbe ich als Du. (...) Diese Haltung ist zwar weise und liebevoll; wenn hier nicht der Gegenpol mit einbezogen wird, kann sie einen jedoch zum Mätyrer machen, der immer die Backe hinhält, jeden Menschen gestattet, ihn zu missbrauchen, ihm die Hände abzuhacken, wenn dieser nur an sein Verständnis appelliert.

(...) Mir hat allerdings ein ganz simpler Satz eines befreundeten Therapeuten sehr geholfen der heisst "Verstehen ist der Trostpreis".. (...) Wenn Du in eine Raum gehst, in dem neun Leidende sind, und Du meinst, gleich mitleiden zu müssen, dann ist der einzige Erfolg der, dass es jetzt zehn Leidende sind. (..)..



Ich finde das ist auch ein ganz guter Aspekt dieses Märchens. Obwohl ich ein Stier bin habe ich früher auch sehr zu einer solchen Verhaltensweise geneigt - aber das hilft Niemanden. Abgrenzung und ein "gesunder Egoismus" sind hier (Überlebens)notwendig.

Und dieses Märchen zeigt das ganz klar auf, finde ich.

Liebe Grüße

Kerstin


Man sieht nur mit dem Herzen gut
:rosenstrauch:

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#5

RE: KHM 31 Das Mädchen ohne Hände

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 01.11.2018 00:08
von Robert
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