logo
#1

RE: Fehlender Stolz bei Hänsel & Gretel

in ungeliebte Märchen 27.01.2010 13:25
von VeraR (gelöscht)
avatar

Hallo,

als Kind habe ich mich wahnsinnig darüber geärgert, dass Hänsel und Gretel nach Hause zurückkehren, obwohl die Eltern zwei (!) Versuche unternommen haben, sie loszuwerden (wovon ja der letzte erfolgreich war).

Ich habe mich ständig gefragt, warum sie nicht beide in die Welt hinaus ziehen und dort ihr Glück machen, nachdem sie die Hexe zur Strecke gebracht haben.
Und ich habe phantasiert, wie das wohl alles gelaufen wäre, wenn die Hexe sie nicht hätte fressen wollen.
Sie hätten dort einziehen können und von ihr lernen.

Und das zweite kindliche Ärgernis war, dass ich im Märchen die Botschaft las, dass nur erfolgreiche Kinder gerne behalten werden. Denn schließlich kommen Hänsel und Gretel mit Taschen voller Geld zurück zu den Eltern und alle lebten von da an in Glück.

Heute ist mir der sozialgeschichtliche Hintergund der Darstellung klar - aber früher hat mich das Märchen wirklich frustriert.

Viele Grüße
Vera

[ Editiert von VeraR am 27.01.10 13:25 ]

nach oben springen

#2

RE: Fehlender Stolz bei Hänsel & Gretel

in ungeliebte Märchen 27.01.2010 16:34
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Hallo Vera! Ich war als Kind bei Hänsel und Gretel auch immer zwiegespalten, jedenfalls, wenn ich es selber gelesen habe, als ich wirklich klein war, habe ich das Märchen geliebt!
So gruselig spannend, so ein Elend, so ein schöner Schluss!

Das Märchen betont die große Notlage, die existenzielle Bedrohung zu verhungern, aber auch das Zögern des Vaters, im Gegensatz zur resoluten Mutter...

die Mutter war dann ja verstorben und so wurde die märchenhafte Gerechtigkeit wieder hergestellt, ohne dass irgendeine unangebrachte Racheaktion gegen ein Elternteil zum Zwecke der Herstellung von Gerechtigkeit nötig war, was sonst ja die glühenden Schuhe und nagelbestückten rollenden Fässer richten müssen ...

Hast Du Dich nie über die Ente gewundert, auf deren Rücken die Kinder über den See nach Hause gekommen sind?
Um zur Hexe zu kommen, brauchten sie die nicht...

Die Ente ist ein Symbol für Familie(nzusammenhalt, -liebe), den See, das Wasser kannst Du für tiefe Gefühle lesen, die werden durchaus auch abgründig gewesen sein, wenn man so was erleiden musste...
Es war für Wilhelm Grimm wichtig, dass erst ein Kind über den See getragen wurde und die Ente zurückkehrte und das andere Kind abholte. Ich glaube, erst Hänsel, dann Gretel... jedes Kind hatte seine eigene Zeit um zu verzeihen...

hab gerade nachgesehen:
ab der zweiten Ausgabe ist das Wasser mit der Ente dabei.
Das jüngere Kind, Gretel, war die erste auf der Ente...

Zitat
Sie kamen aber vor ein großes Wasser und konnten nicht hinüber. Da sah das Schwesterchen ein weißes Entchen hin und her schwimmen, dem rief es zu: „ach, liebes Entchen nimm uns auf deinen Rücken“ als das Entchen das hörte, kam es geschwommen und trug das Grethel hinüber und hernach holte es auch das Hänsel.



Bei Bechstein sind es noch viele Enten, die eine Brücke bilden, über die die Kinder gemeinsam fahren mit dem goldenen Rehbock und die Enten schwimmen auseinander, als der Menschenfresser die Brücke überquert und so waren die Kinder gerettet, weil der ersaufen musste...
Bei Bechstein darf die Mutter leben, sie macht sich zusammen mit dem Vater Sorgen um die Kinder und bereut, sie ausgesetzt zu haben. Da betreten die Kinder das Haus, und alle Not hat ein Ende.


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
nach oben springen

#3

RE: Fehlender Stolz bei Hänsel & Gretel

in ungeliebte Märchen 28.01.2010 07:47
von Leselust | 2.098 Beiträge | 2098 Punkte

Adelheid Wette schrieb das Libretto zu Engelbert Humperdincks Märchenoper. In ihrer Version ist die Mutter nicht böse, sondern hungrig, genervt und etwas gedankenlos; im Gegensatz zum Vater macht sie sich die Gefahr des Waldes nicht ganz klar und schickt die Kinder, die statt Besen zu binden herumgealbert haben, in den Wald zum Beeren sammeln.
Der Vater kommt heim, leicht beschwipst, sehr fröhlich und mit einem ungewohnten Verdienst; er hat groß eingekauft - und bekommt einen Schreck, als er hört, was geschehen ist: er weiß, daß im Wald die Hexe ist.
Und am Schluß wird alles gut...

[ Editiert von Leselust am 28.01.10 7:51 ]

nach oben springen

#4

RE: Fehlender Stolz bei Hänsel & Gretel

in ungeliebte Märchen 28.01.2010 11:05
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

ja, die mag ich auch, aber das gibt ja tiefenpsychologisch nicht so viel her das ist ja wie "echtes Leben" - die Hexe ist dann das Jugendamt , die Familienpflege oder die Supernanny Katja von RTL II



Bruno Bettelheim interpretiert die Situation in Hänsel und Gretel mit der Phase, da das Kind dem Kleinkinddasein entwächst, nicht mehr alles bekommt was es braucht sondern selber was leisten muss, so als Art Abstillphase mit Tischdeckpflichten, aus diesem ständig versorgt sein mit allem was man braucht herauszufallen lässt die Mutter zur Hexe werden, was dann wieder vergeht (Hexe tot), wenn die Kinder es gewöhnt sind Arbeit zu leisten -ihre Arbeit, das sind die Hexenschätze, die dem Familienleben beigesteuert werden


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
nach oben springen

#5

RE: Fehlender Stolz bei Hänsel & Gretel

in ungeliebte Märchen 29.01.2010 04:41
von Leselust | 2.098 Beiträge | 2098 Punkte

Ich lese Adelheid Wettes Fassung so:

Die Mutter ist die brottrockene Realistin, der Vater hat ein fröhliches Gottvertrauen und zugleich das Wissen um finstere Mächte. Die Kinder sind recht realistisch dargestellt: Sie schaffen es, den Hunger durch Herumalbern und Spiel kurz zu vergessen. Auch daß sie die gesammelten Erdbeeren wegnaschen und sich vertrödeln ist unmittelbar einleuchtend.

Die Mutter handelt verständlich (wenn auch nicht verständnisvoll) - und als ihr durch die Annahme des vom Vater bewahrten Mächenwissens die Gefahr klar wird, gehen beide Eltern in den Wald, um die Kinder zu suchen.

Die Kinder, zunächst vollkommen kindlich in ihrem Verhalten, wachsen in der Gefahr über sich hinaus, handeln planvoll und mutig.

Die Eltern finden ihre Kinder in dem Augenblick, da die Kinder schon ganz allein alles in Ordnung gebracht haben (Hexe tot, Kuchenkinder erlöst).

Hier wird Bekanntes umgedreht: Nicht die Frau, sondern der Mann bewahrt das Wissen um die düsteren Geheimnisse des Waldes. Nicht der Mann, sondern die Frau ist knallhart realistisch. Daß die Kinder die Welt in Ordnung bringen, ist aus vielen Märchen bekannt, aber diese Umkehrung der Rollenverteilung fällt mir auf - zumal die Frau ja bei all ihrer durch Armut entstandenen Härte nicht "böse" dargestellt wird. Gewöhnlich sind die trockenen Realisten im Märchen ja eher die Fiesen.

nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
27 Märchen der Brüder Grimm - wunderschöne Ausgabe
Erstellt im Forum Bücher von Gemini
0 16.01.2013 13:06goto
von • Zugriffe: 1158
Lothar Klütz (Bost)
Erstellt im Forum Sind Märchen noch zeitgemäß ? von mande
2 12.06.2019 07:06goto
von Lisa • Zugriffe: 1588
Artikel in Die Weltwoche - Schweiz
Erstellt im Forum Sind Märchen noch zeitgemäß ? von Gemini
2 17.09.2018 04:15goto
von Robert • Zugriffe: 1302
eine Hänsel und Gretel Variante
Erstellt im Forum Bechsteinmärchen von Gemini
0 10.04.2006 22:40goto
von • Zugriffe: 1107
Was sind eigentlich Hexen ?
Erstellt im Forum Mythologie von Gemini
4 23.10.2018 00:24goto
von Georgette • Zugriffe: 1511
Hänsel und Gretel
Erstellt im Forum der reale Hintergrund eines Märchens von Gemini
1 03.07.2005 17:06goto
von • Zugriffe: 1175

Besucher
0 Mitglieder und 4 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Jette
Besucherzähler
Heute waren 4 Gäste online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 768 Themen und 3351 Beiträge.


Besucht mich auch durch klick aufs Bild



Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de