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in Andersenmärchen 12.04.2006 12:12
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Das Kunstmärchen bei Andersen

Bei Andersen handeln und reden die Dinge: Was hat es mit der Gattung Kunstmärchen auf sich? Was ist das Neue an Andersens Märchen?

Dass Andersens erste Reise nach Deutschland führte ist kein Zufall. Dieses Reiseziel hatte nicht nur den Zweck Andersens Sehnsucht nach der Ferne zu stillen, die Reisen in das Nachbarland sollten vor allem seine Werke einem breiteren Publikum zugänglich machen als dies in seinem Heimatland Dänemark der Fall sein konnte. Die deutsche Rezeption nimmt Andersens Weltruhm voraus, ihr Publikum war durch die Dichter der Romantik für Märchenerzählungen bereits sensibilisiert.

Nicht nur die Märchenbücher von Charles Perrault und die Volksmärchensammlungen der Brüder Grimm aus dem 17. Jahrhundert fanden dort begeisterte Aufnahme, auch das Kunstmärchen, eine Gattung von Märchenerzählung, die im Unterschied zum Volksmärchen nicht in mündlicher Überlieferung anonym tradiert, sondern als Erfindung eines namentlich bekannten Autors in kunstvoll ausformulierter Sprache meist schriftlich festgehalten und verbreitet wurde, fügte sich in den literarischen Kanon ein. Oft wird fälschlicherweise angenommen, dass sich das Kunstmärchen aus den Volksmärchen entwickelt hat, dabei entstanden bedeutende Kunstmärchen schon vor der schriftlichen Fixierung der Volksmärchen. Seit Goethe existieren von direkten Quellen unabhängige Kunstmärchen.

Im Unterschied zu Volksmärchen, in denen Figuren keine Eigennamen besitzen, sondern als typische Vertreter von Rollen und Ständen gezeichnet werden, stattet das Kunstmärchen seine Protagonisten mit einem individuellen Charakter und einem richtigen (Vor)Namen aus. Die Charaktere der Kunstmärchen geben in ihren Gedanken und Handlungen häufig philosophische Strömungen und Fragestellungen der Romantik wider. Der Einfluss von Friedrich Wilhelm Schellings Naturphilosophie und Johann Gottlieb Fichtes Idealismus positionieren den Menschen in seiner Beziehung zu sich selbst und seiner Umwelt neu.

Das Kunstmärchen zeichnet sich besonders durch die Einbettung der „Kategorie des Wunderbaren“ aus: Im Kunstmärchen kann sich das Wunderbare ereignen und die Wirklichkeit eine Entgrenzung ins Unendliche erfahren. Im Bewusstsein der Unwahrscheinlichkeit des Wunderbaren kann die rationale Distanz überwunden und spielerisch und ironisch genutzt werden.

Andersen hat die europäischen Märchentraditionen auf seinen zahlreichen Reisen kennen gelernt und beim Stöbern in den Bibliotheken der Herrenhäuser, wo er so oft zu Gast war, auch literarische Anleihen aus anderen Gattungen für seine Märchendichtungen genommen. Von urheberrechtlich geschützten Texten kann im 19. Jahrhundert noch nicht die Rede sein. Die Besonderheit von Andersens Märchen liegt in der formalen und inhaltlichen Innovation ihrer Gestaltung. Er ist der erste, in dessen Texten Kindheit und das Kindliche einen breiten Raum einnehmen. Er weist Kindern in seinen Erzählungen einen kindgemäβen Platz zu, hebt sie vom idealisierten Thron, auf den sie in der Romantik gehoben worden waren. Eigenständige Äuβerungen von Kindern wie „Aber er hat ja gar nichts an!“ (Des Kaisers neue Kleider) zeigen das Kind als handlungsmächtiges Subjekt, das denkt, fühlt, spricht und vor allem Phantasie hat.

„Der Nußknacker schoß Purzelbäume, und der Griffel belustigte sich auf der Tafel; es war ein Lärm, daß der Kanarienvogel davon erwachte und anfing mitzusprechen, und zwar in Versen.“ (Der standhafte Zinnsoldat)
Bei Andersen reden und handeln Dinge, seine Wirklichkeit entsteht durch ihre Poetisierung. Der Dichter ist der Gegenständlichkeit der Welt verfallen und geht von der Annahme aus, dass sich in Dingen wie auch in Personen Gedanken Gottes offenbaren. „Die groβe Seeschlange“ zeigt Andersens enthusiastische Verherrlichung des technischen Fortschritts. Er sieht in diesen Erfindungen einen Wegbereiter für eine bessere Welt. Das oft traurige Ende, das den konventionellen Glücks- und Versöhnungserwartungen der Gattung Märchen widerspricht, adressiert eine moralisierende Botschaft an den Leser, selber Schlüsse aus dem Erlebten zu ziehen. Andersens Märchen wollen ihr Publikum belehren und bessern. Die poetische Funktion des Märchens hat also auch eine gesellschaftliche Seite: sie zeigt einen offensichtlichen und symbolisch verschlüsselten Bezug auf zeitgenössische und soziale Realität.

Doch nicht nur inhaltlich lässt sich in den Märchendichtungen Andersens viel Neues erkennen, ihr innovatives Potential liegt auch in ihrem formalen Charakter. Wie beiläufig spricht die Erzählerstimme Kinder und Erwachsene an, der Vortrag simuliert Mündlichkeit und vermittelt die Stimmung einer von Andersens Vorlesestunden in einem biedermeierlichen Salon. Stets vergegenwärtigt der Text einen Erzähler, der ein doppeltes Publikum anspricht. Für das kindliche Publikum sind die Abenteuer in seinen Märchen gedacht, den Erwachsenen sollen diese Texte zu denken geben.

Lautmalerische Elemente vermitteln Andersens Märchen Bewegung und Anschaulichkeit. Worte, die Geräusche nachahmten sind schon bald ein Kennzeichen der Märchen Andersens. „Ratsch!“ werden die Streichhölzer in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ angestrichen und „Dum, dum, dum! Dumelum! Trom, trom, trom! Trommelom! Trommelom! Komm, komm! Trameram, trammeram, das ist er! Tummelum, tummelum, tummelumsk!“ lässt in „Goldschatz“ die Brandtrommel die Zuhörer und Leser erzittern. Für die streng formalisierte Märchenliteratur war diese Unmittelbarkeit des Mündlichen etwas völlig Neues, die zeitgenössischen Kritiker gingen mit diesen Neuerungen hart ins Gericht. Andersen brach mit den Regeln seiner Zeit, wie über Kinder und zu Kindern gesprochen werden durfte. Doch das Publikum blieb Andersen europaweit treu.


von Beate Weghofer

Arte


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