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#1

RE: theoretisches für Erzähler

in Märchenerzähler 26.05.2007 14:53
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Johannes Merkel

Über die Umwandlung schriftlicher Texte in mündliche
Ezählungen

I.
Traditionelle Erzähler hörten ihre Geschichten und erzählten sie weiter.
Das ist uns nur noch für kurze Alltaggeschichten/Witze etc geläufig.
Selbst Erzählungen aus mündlicher Tradition, sogenannte "Märchen",
suchen wir uns aus einer Textsammlung aus. Die Texte unserer
Märchensammlungen sind jedoch stets literarische Bearbeitungen. Wo,
wie in neuerer Zeit gelegentlich geschehen, nur der tatsächliche
Erzähltext notiert wurde, erhalten wir eine völlig unlesbare Geschichte,
es fehlen ja die Intonation, die gestische und nonverbale Darstellung,
die jede mündliche Rede begleiten. Andererseits ergeben selbst
Fassungen, die die mündliche Herkunft berücksichtigen und daraus
einen geglückten literarischen Stil entwickeln, wie man das mit gutem
Recht für Grimms Märchen in Anspruch nehmen kann, wortwörtlich
wiedergegeben, keine mündliche Erzählung, sondern eine Rezitation.
Wer heute ein Märchen frei erzählen will, ist auf eine schriftliche
Textvorlage angewiesen.
Die erste Frage, die sich ihm stellt, ist: Welches Märchen will ich
erzählen?
Im Gegensatz zum traditionellen Erzähler, der ja nur sein begrenztes
persönliches Repertoire an Geschichten erzählte, riskiert er dabei, etwas
verwirrt in den Hunderten von Märchensammlungen aus aller Herrn
Länder zu blättern, die die Regale jeder Buchhandlung oder Bibliothek
füllen. Diese Qual der Wahl kann man niemandem abnehmen, aber es
ist sinnvoll als Faustregeln festzuhalten: Der angehende Erzähler sollte
keine Geschichte erzählen, die ihn nicht selbst begeistert, so tiefsinnig
oder symbolträchtig sie auch unter psychologischen, pädagogischen
oder anderen Gesichtspunkten erscheinen mag.
Die nächste Frage ist, wie umgehen mit diesem schriftlich fixierten Text,
den man wortwörtlich ja nicht auswendig lernen kann und nicht lernen
will, so wie ein Schauspieler seinen Text lernt. Wie präge ich mir die
Geschichte ein? Wie entwickle ich daraus eine Form des Auftretens und
der Darstellung? Wie die Erfahrung zeigt, legt sich beim freien Erzählen
jeder einzelne die gleiche Textvorlage etwas anders in den Mund.
Dennoch läßt sich eine Methode beschreiben, die es durchschnittlichen
Alltagserzählern ermöglicht, sich ohne langwierige Vorbereitung eine
umfangreichere Geschichte anzueignen und frei vor kleinerem Publikum
zu erzählen.

II.
Diese Methode ist eine bewußtere Anwendung des Vorgehens, das wir
bei jeder beliebigen Alltagserzählung benützen. Niemand ist in der Lage,
nach einmaligem Hören auch nur eine einzige Seite Text wörtlich wiederzugeben. Dennoch können wir ein Alltagserlebnis, das wir eben gehört haben, sofort weitererzählen. Dabei konzentrieren wir uns beim
Hören wie beim Weitererzählen auf einzelne wesentliche Elemente, die uns die ganze Geschichte übersichtlich machen und an denen entlang wir einen Wortlaut improvisieren können. Nach psycholinquistischen Konzepten operieren wir dabei mit zwei Instrumenten: Einem abstrakten
Grundschema, das erst eine Geschichte als Geschichte erkennbar macht, und einer stichwortartigen Verkürzung unserer konkreten Erzählung gemäß diesem Schema. Im Akt des Erzählens selbst improvisiere ich den Wortlaut, indem ich dieses Schema Stichwort für Stichwort abrufe, und zugleich je nach den Reaktionen meiner Hörer/Zuschauer variiere.
Was macht überhaupt eine Geschichte zu einer Geschichte?
Wenn man etwas erzählt bekommt, spürt man sofort, ob es sich um eine "Geschichte" handelt oder um eine andere "Textsorte". Nach den Aussagen der psycholinguistischen Textverarbeitungstheorie operiert jeder Zuhörer mit einem abstrakten Schema, das ihm erlaubt, eine Geschichte als solche zu erkennen, beim Hören oder Lesen seine Erwartungen steuert, ihm hilft, die Erzählungen zu speichern und - das
gilt nun vor allem für mündliche Erzählungen - ihm auch ermöglicht, sie schon nach einmaligem Hören wiederzugeben. Dieses Schema wird als abstraktes Regelsystem begriffen, in etwa in der Weise, wie jede Sprache ein Regelsystem der Satzbildung kennt, das zum Beispiel ermöglicht, einen Satz zu beginnen, ohne schon zu wissen, wie man ihn zu Ende spricht. Die empirischen Nachweise für die Existenz dieser im wissenschaftlichen Jargon genannten STORY GRAMMAR laufen zum Beispiel so, daß man Geschichten mit unvollständigen oder vertauschten Strukturteilen vorgibt und bei Nacherzählungen oder Tests eine signifikante Tendenz feststellt, die fehlenden Teile zu ergänzen oder die
Vertauschung zu berichtigen. Märchen erfüllen dieses Strukturschema in fast idealer Weise, sie zeigen damit allerdings nur, wie sehr selbst noch schriftliche Aufzeichnungen von Märchen geprägt sind von jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung.
Das verbreitetste Grundschema für eine einfache Erzählung sieht vereinfacht wie folgt aus: Eine Geschichte hat einen Helden, es folgt ein Ereignis, das in das Leben des Helden eingreift, der Held muß sich mit diesen Ereignis auseinandersetzen und es zu einem Ergebnis und die
Geschichte damit zu einem Abschluß bringen. Dieses einfache Schema wird als Grundbaustein begriffen, oder auch als EPISODE bezeichnet.
Kompliziertere Strukturen entstehen durch Variation und Verkettung von Episoden. Ein Beispiel dafür, das im europäischen Volksmärchen häufig zu finden ist, wäre die variierte dreimalige Wiederholung der gleichen Aufgabe, die erst beim dritten Mal gelöst wird wie in den verbreiteten
Märchen von den drei Brüdern etc. Für den Erzähler sind diese Grundstrukturen deshalb von Bedeutung, weil sie den Grundrhythmus seiner Erzählung darstellen, und es lohnt sich, sich diese Grundmodelle klar zu machen, sie sind nicht ganz so formal und beliebig, wie es auf
den ersten Blick erscheint.
Geschichten haben aber nicht nur eine bestimmte Grundstruktur, sondern auch eine ganz spezifische, konkrete Handlungsfolge.
Wie kann man diese Handlungsfolge in allen ihren Verästelungen im Gedächtnis speichern und wiedergeben?
Um den tatsächlich in einer gegebenen Situation realisierten Erzähltext von der Form der gedächtnismäßigen Speicherung der erzählten Handlungsfolge zu unterscheiden, wurde der Begriff der KOGNITIVEN GESCHICHTE (Quasthoff) eingeführt. Sie steht zur realisierten Erzählung in einem ähnlichen Verhältnis, wie sprachlich strukturiertes Denken zum
tatsächlich geäußerten Satz, d.h. die Speicherung würde demnach in Formen linquistischer Tiefenstrukturen erfolgen. Daran ist aus praktischen Erfahrungen und theoretischen Überlegungen jedoch sehr zu zweifeln: Einmal weil Erzählungen Handlungen vorführen, die der Erzähler durch eher bildhafte Sequenzen zu versprachlichen sucht und
die andererseits vom Zuhörer wohl eher als Bildfolge gespeichert werden. In der Gedächtnisforschung wird davon ausgegangen, daß komplexe Gedächtnisinhalte in sogenannten CLUSTERS gespeichert werden, die mit Hilfe einer Art Etikett abgelegt werden und damit abgerufen werden können. Vermutlich dienen beim Prozess des Speicherns von erzählten Handlungsfolgen sprachliche Konzepte als Etiketten, die dann aber jeweils ganze Bildsequenzen ins Gedächtnis rufen. Dafür spricht auch die ständige Interaktion der sprachlichen und
räumlich vorstellungsmäßigen Funktionen, die bei so vielen Operationen des Gehirns feststellbar ist. Der Zuhörer benutzt also vermutlich eine stichwortartige Zusammenfassung der Episode. Bei jedem einzelnen Stichwort taucht eine Serie von Bildern in ihm auf, die er dann wiederum (nach)erzählend in sprachliche Formulierungen umwandelt.
Die Handlungsfolge der Vorlage kann unter Beachtung der Struktur der Geschichte- vor allem im Beibehalten einer klaren Entwicklung und eines eindeutigen Schlusses - abgewandelt werden. Das sollte vor allem dann geschehen, wenn der Handlung die nötige Konsequenz fehlt oder dem
Nacherzähler gegen den Strich geht. Das haben auch die traditionellen Erzähler nicht anders gehalten: Diesem kreativen Umgang mit Erzählstoffen und -motiven verdanken wir die zahlreichen "Varianten" überlieferter Märchen. Für das Memorieren der Erzählung haben sich folgende Faustregeln bewährt:

1. Den Text drei Mal (laut) zu lesen bzw in der Gruppe einander vorzulesen, dann wegzulegen,

2. sich die Ereignisse wie einen inneren Film zu vergegenwärtigen,

3. den Ablauf unter Umständen neu gliedern oder umgestalten.

III.

Die gestische Darstellung ist für den Erzähler mehr als beliebiges Ausschmücken. Stärker noch als jede alltägliche mündliche Rede ist Erzählen begleitet von sprachbegleitenden Zeichen und nonverbaler Verständigung zwischen Erzähler und Zuhörer. In den wenigen kommunikations-theoretischen Arbeiten, die sich damit befassen, wird sprachbegleitende Gestik unterschieden nach Handbewegungen, die den
Redefluß rhythmisieren, sog. BEATS, und abbildenden Gesten, sog.
ICONIX, die einen Vorgang verkürzt darzustellen suchen. Bei
Untersuchungen des gestischen Verhaltens ist feststellbar, daß der Anteil ikonischer Gestik ansteigt, sobald ein Redner zu erzählen beginnt.
Das erklärt sich aus dem Erzählen selbst: Erzählen heißt ja die gegenwärtige Situation, auf die sich sprachliches Handeln in der Alltagskommunikation bezieht, zu verlassen und sich in der Vorstellung in eine vergangene oder fiktive Handlungssituation zu begeben. Im Gegensatz zur Rede, die auf die gegenwärtige sinnlich erfahrbare Handlungssituation bezogen ist, muß der Kontext nun in der Vorstellung
konstruiert werden. Insgesamt ist allerdings nur sehr wenig über Formen und Bedeutung von gestischer Kommunikation gearbeitet worden. Aber offenbar stützt die gestische Darstellung die Vorstellungsfähigkeit. Diese These scheint durch zwei Feststellungen untermauert zu werden: Einmal die Feststellung, daß darstellende Gestik Spielhandlungen verkürzt (was sich übrigens sehr deutlich erkennen läßt anhand der Entwicklung kindlicher Gestik). Zweitens die
Feststellung, daß darstellende Gestik Vorstellungsbilder hervorruft und gestische Erzählweisen insgesamt audiovisuellen Charakter haben.(Und man mit einigem Recht sagen kann: Gestisches Erzählen ist der historische Vorläufer und die Vorlage aller audiovisuellen Medien, und
mündliches Erzählen steht insofern dem Kino näher als dem stillen Lesen).
Betrachtet man die Erzählkulturen, aus denen uns die Texte überliefert sind, die wir als Märchen bezeichnen, dann wurde überall mit gestischer Darstellung gearbeitet, von den traditionellen ländlichen Märchenerzählern der europäischen Neuzeit bis zu den Berufserzählern Chinas. Dort, wo die angehenden Erzähler regelrechte Lehren durchliefen, gehörte immer auch die gestische Darstellung zum Unterricht dazu. Man muß das sehr betonen, weil gestische Darstellung bei uns kulturell stark zurückgedrängt ist. Nach wie vor gehört sie zu jeder lebendigen Alltagserzählung, aus der kulturellen Tradition ist sie aber weitgehend verschwunden im Gegensatz zu Formen des Schauspielens, die sowohl in der öffentlichen Kultur wie in der Schuldidadaktik ihren Platz haben. Bei Erzählworkshops und -kursen macht sich das darin bemerkbar, daß Teilnehmer entweder nur sprachlich erzählen wollen oder sofort ins Rollenspiel fallen. Darstellende Gestik liegt jedoch genau dazwischen, und ihre Herstellung läßt sich
etwa folgendermaßen beschreiben: Man nimmt aus der Gesamthandlung oder dem Gesamtbild eine Bewegung oder ein Detail heraus und bildet es im Bewegungsraum der Hände vor dem Körper ab. Dabei ist man nicht auf die Hände beschränkt, Bewegungen der Füße ,des Kopfes etc. können ebenso gestisch benutzt werden. Man erzeugt damit in der Vorstellung des Zuhörers/Zuschauers das Bestreben, sich das ganze Bild
vorzustellen. Wie alle nonverbalen Signale sind gestische Zeichen nicht präzise, sie werden erst im Kontext der Erzählung fixiert. Einmal festgelegt können sie immer wieder benutzt werden und rhythmisieren die Erzählung ganz ähnlich wie sprachlichen Formeln. Die gestische Darstellung erfordert allerdings eine etwas bewußtere Vorbereitung. Um
für eine Geschichte eine sprachliche Form zu finden, die vor einem kleineren Publikum erzählbar ist, muß man sie meistens nur einige Male drauflos erzählen, am besten zunächst vor guten Bekannten. Beim dritten oder vierten Male liegt sie dann schon ganz gut auf der Zunge.
Die gestische Darstellung muß etwas bewußter angelegt werden. Man hat allerdings auch hier die Möglichkeit, zunächst vor wenigen Zuhörern zu erzählen und dabei darauf zu achten, wie an bestimmten Stellen die Hand zuckt oder welches Mienenspiel sich andeutet etc. Sobald man
dann solche Impulse bewußter wahrnimmt und vergrößert, erhält man eine Darstellungsweise, die den eigenen Möglichkeiten gut entspricht.
Bei gezielterer Vorbereitung ist es sinnvoll, nach Formen gestischer Darstellung zu suchen und sie ansatzweise zu proben, entweder allein vorm Spiegel oder indem jemand anderes zusieht. Bei mehr probenmäßig angelegtem Training ist es sehr sinnvoll, zu sagen: "Mach das doch einfach vor!" und dann die schüchternen Bewegungen zu klaren und deutlichen Gesten zu erweitern. Für das Märchenerzählen vor
Kindern hat die Gestik einen besonderen Wert. Märchen sind ja nicht per sé kindgemäß, sehr viele Elemente überlieferter Märchen sind Kindern heute aufgrund der veränderten Lebenswelt schwer verständlich. Das gilt auch für die symbolische Wirkung, die ja tatsächlich an das Verständnis der konkreten Funktion des Symbolgegenstandes gebunden
ist. Schon die Form eines Ziehbrunnens ist mit dem Wort Brunnen nicht mehr gegeben. Sobald ich gestisch den Eimer mit dem Seil in den Brunnenschacht hinablasse, haben die Kinder ein konkreteres Bild von der Tiefe des Brunnens, in die der Held versinkt mit all den Assoziationen, die die Form des Brunnens auslöst. Ähnliches gilt für die
zauberhaften Vorgänge, die durch die gestische Konkretisierung eine ganz andere Überzeugungskraft erhalten.

IV.
Es ist eher selten,daß im Alltag erzählbare Geschichten erlebt werden.Dennoch lassen sich oftmals selbst die bescheidensten Erlebnisse ausweiten und verbessern, bis daraus gute Geschichten werden. Und im einen wie im andern Fall werden diese Geschichten nicht nur einmal, sondern desto öfter erzählt, je mehr man damit "ankommt". Beim
wiederholten Erzählen schleifen sich aber feststehende Wendungen ein, die bald zum unverzichtbaren Bestand dieser Geschichte gehören:
gelungene Formulierungen ebenso wie einzelne Dialogpassagen der Helden. In den überlieferten Erzähltraditionen findet man wiederum die Entsprechungen: Die gesamte epische Vortragskunst, wo sie an Musik und Reim gebunden war, arbeitete mit vorgegebenen Formeln. In den überlieferten Texten von Volksmärchen findet man immer wieder die
Verseinlagen und die sich wiederholenden Adjektive, die formelhaften Einleitungen und Schlüsse und wo drei Märchenhelden nacheinander dem gleichen Drachen begegnen, entspinnt sich zwischen ihnen der gleiche formelhafte Dialog. Im Gegensatz zum Lesen, wo die Wiederholung stört, erleichtert die sich wiederholende Formel dem Hörer
das Aufnehmen der Erzählung. Dem Erzähler schafft es einen Ruhepunkt in der ständigen improvisierenden Formulierung. Zur Vorbereitung einer Erzählung ist es recht sinnvoll, bewußt nach solchen festen Formulierungen zu suchen. Das einfachste Verfahren dafür ist wiederum, eine Geschichte mehrmals in unverfänglicher Situation zum besten zu geben, und darauf zu achten, welche Wendungen sich einschleifen. An dramatischen Punkten erfolgende Dialoge oder solche,
die eine Figur kennzeichnen, sollte man wörtlich zur Verfügung haben, und dafür jetzt, aber eben erst jetzt wieder auf die Textvorlage zurückgreifen.

V.
Auch kürzere literarische Texte, Kurzgeschichten oder Novellen können als Vorlagen mündlicher Erzählungen dienen. Dabei sind allerdings die Unterschiede zwischen einer mündlichen und einer geschriebenen Erzählung zu berücksichtigen. Um eine Novelle in freier mündlicher
Erzählung wiederzugeben, muß ihr eine klare übersichtliche und möglichst abgeschlossene Handlung zugrundeliegen. Zu bedenken ist auch, ob die vom Schriftsteller gewählte Erzählperspektive sich beibehalten läßt: Schreibend wird selten in "natürlicher" Zeitfolge erzählt, an die sich überlieferte mündliche Erzählungen im allgemeinen
halten. Sie entspricht dem Storyschema und ist deshalb für den Hörer am leichtesten aufnehmbar. Literarische Erzählungen sind häufig auch aus dem Blickwinkel eines oder mehrerer der beteiligten Personen erzählt, anstelle des objektiven übergeordneten Standpunktes, den der
mündliche Erzähler im allgemeinen einnimmt. Bei literarischen Vorlagen ist darum zu überlegen, wie weit man die Erzählperspektive des Textes übernehmen kann oder ob man sie in den übergeordneten Erzählerstandpunkt und die einfache Zeitfolge überführt. Schließlich bietet es sich an, am Ende der Erarbeitung einer mündlichen Version formelhaft wieder einzelnde Formulierungen der Textvorlage einzufügen
bis hin zu regelrechten Zitaten (zum Beispiel: " An dieser Stelle schreibt Gottfried Keller:.."). Dies sollte nur sparsam erfolgen, kann aber der Erzählung etwas vom stilistischen Kolorit zurückfgeben, die die freie
mündliche Wiedergabe zunächst zerstören muß.

[ Editiert von Administrator Gemini am 26.05.07 15:15 ]


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#2

RE: theoretisches für Erzähler

in Märchenerzähler 26.05.2007 15:34
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Johannes Merkel

Erzähl mir was!
Hinweise zum Erzählen für Kinder

Erzählen kann jeder, und jeder tut es täglich, oft ohne es zu merken, in der Straßenbahn, am Mittagstisch, in der Kneipe. Man braucht dazu keine Ausbildung, kein Zeugnis, und nicht einmal ein Gerät; man braucht lediglich ein Medium, das jedem zur Verfügung steht: Die Sprache. Und wenn uns Kinder auffordern: "Jetzt erzähl mir was", dann sollte man einfach erzählen. Je mehr man erzählt, desto besser wird
man erzählen, denn Erzählen macht den Erzähler.

1.
Zum Erzählen braucht man keinen Lehnstuhl und kein Schummerlicht, man muß nicht einmal in der Dämmerung unterm Apfelbaum sitzen. Es geht überall: Beim Spaziergang, beim Warten auf die Straßenbahn, sogar während man sich rasiert im Badezimmer. Wichtig ist nur, daß man etwas Ruhe weg hat, fürs Erzählen wie fürs Zuhören.
"Die Geschichten meines Vaters stammten neben erfundenen Geschichten aus seinem Berufsleben, und die Geschichten um Schiffskollisionen erzählte er besonders lebendig (...) Sie wurden erzählt sonnabendsnachmittags, im Badezimmer bei seiner sogenannten Morgentoilette, beim Frühstück und immer
dann, wenn dieser recht alte, vielbeschäftigte Mann Zeit für sein jüngstes Kind hatte."
Allerdings geht es am leichtesten vorm Schlafengehen oder im
Kindergarten nach dem Freispiel, wenn sich die Kinder ausgetobt haben, oder in der Erschöpfung der letzten Unterrichtsstunde. Überhaupt sind regelmäßige Zeiten und Gelegenheiten hilfreich, denn die Erwartung erleichtert das Zuhören wie das Erzählen.

2.
Erzählen ist keine "Einwegkommunikation". Nicht nur der Erzähler, auch die Zuhörer erzählen mit. Deshalb muß man nicht mit einer fix und fertigen Geschichte anrücken, die man nur noch abschnurren läßt.
Kinder verstehen sie einem auch aus dem hohlen Bauch zu kitzeln.
"Ich kann mich an eine Art von Unterhaltung mit meinem Großvater erinnern, die mich beeindruckte. Während verschiedener Spaziergänge fragte ich nach Ursache und Herkunft verschiedener Dinge, die ich sah, und zu jeder Antwort stellte ich eine neue Frage, meist "Warum?" und "Wodurch?". Da er aber, wie ich mitkriegte, längst nicht alles wußte, wurde er gezwungen, sich immer phantastischere Geschichten auszudenken, die dann die Form von Erzählungen
annahmen."

3.
Wie gut einer erzählt, hängt auch davon ab, wie es ankommt. Auch wo nur einer erzählt, sind die anderen, die zuhören, doch zu spüren. Was sich an Gemeinschaft entwickelt in der Runde, sucht auch nach einem körperlichen Kontakt: Die Kinder wollen sich anlehnen, legen den Kopf aufs Knie, kuscheln sich aneinander oder suchen wenigstens den Blick
des Erzählers.
"Mein Opa saß meist in seinem Sessel direkt am Fenster, las sehr viel oder hörte Radio und rauchte dabei dicke Zigarren. Wenn er gute Laune hatte, durften Marlies - meine zwei Jahre ältere Schwester - und ich uns dazusetzen, d.h. Marlies saß auf seinem einen Knie und ich auf dem anderen, in der Mitte die "Hör zu" mit der "Mecki-Geschichte". Die Geschichte war nur eine Zeitungsseite lang, zuerst mit schwarz-Weiß-Bildern, später farbig. Mir ist diese eine Seite aber immer sehr, sehr lang vorgekommen. Vielleicht liegt das daran, daß "Mecki" eine Fortsetzungsgeschichte war und wir uns am Schluß immer zusammen überlegten, wie die Geschichte wohl weitergehen könnte."
Am leichtesten erzählt es sich vor Kindern, die man gut kennt oder vor einer kleinen Gruppe von vielleicht vier oder sechs Kindern. Aber mit etwas Übung geht es auch vor größerem Publikum, einer Schulklasse zum Beispiel, dann macht man am besten eine kleine Show draus, mit viel Gestik und Spiel und vielleicht einem Schuß Blödsinn. Damit die
Augen begreifen können, wohin die Hände nicht reichen.

4.
Beim Erzählen braucht man keine Infratestergebnisse, um die
Einschaltquoten festzustellen. Kinder können den Mund nicht halten,
wenn er ihnen sowieso schon offen steht vor Staunen. Da fruchtet auch
die gutgemeinte Mahnung nichts: Nun lern doch mal zuhören. Sie
plappern ja dazwischen, weil sie so genau zuhören. Wenn einer meint,
er hätte auch schon einen Ziehbrunnen gesehen, im letzten Urlaub, sagt man: "Siehst du, genauso ein Brunnen war das", und schon steht der Brunnen greifbar zwischen den Hörern. Aber wer seine Zuhörer zwingt, "mucksmäuschenstill" zu bleiben, sollte besser der nächsten Wand erzählen.
"Zum Geschichtenerzählen gehörte auch der Kindergottesdienst. Nach dem Gottesdienst gab es immer ein Bild zum Einkleben zu der jeweiligen "Geschichte". Die Gottesdiensthelfer, die wir einmal in der Woche zum
Bastelnachmittag trafen, haben die Geschichte manchmal noch einmal erzählt oder auch auf dem Nachhauseweg von der Kirche. Erst dann habe ich etwas davon mitgekriegt. Im Gottesdienst selber durfte man nicht nachfragen. Der
Pastor erzählte und erzählte und erzählte. Schon nach kurzer Zeit konnte ich nicht mehr zuhören."

5.
Erzählen heißt nicht einfach reden. Wer mit verschränkten Armen herumsteht und tonlos runterrattert, darf sich nicht wundern, wenn die Kinder lieber den Fernseher anstellen. Dort kriegen sie wenigstens auch was zu sehen. Kinder unter fünf verstehen oft auch Geschichten gar nicht, die nur gesprochen werden. Was dagegen mit Händen und Füßen
erzählt wird, prägt sich tief ein und wird oft noch nach Jahren erinnert.
"Eine Phantasiegeschichte, die ich und meine Mutter morgens im Bett gespielt haben. In einem Negerkral stellt eine ganz dicke Negermammi mit ihrem Kind zusammen einen Teig her und formt dann Klöpse daraus. Diese Geschichte wollte ich immer wieder spielen, weil wir dabei gesungen haben und sehr viel
mit Händen und Füßen und Gesichtsausdrücken gespielt haben. Wir haben die Geschichte auch ständig erweitert, so daß sie bald sehr lang dauerte."

6.
Erzählen heißt Erfahrungen, Einstellungen, Gefühle weitergeben. Banale Erlebnisse vom Vortag können spannender sein als die Watteelefanten, die durch unsere furchtbar kindgemäßen Kinderbücher trotten. Und was übrigens so gut wie immer bei Kindern ankommt: Erlebnisse aus der eigenen Kindheit, Geschichten, die sich zusammenfügen zu einer ersten Vorstellung von Geschichte.
"Am meisten hat mich beeindruckt, als mir mein Großvater einmal von seiner Lehre als Töpfer in der Brennofengasse erzählte, weil es für mich unvorstellbar war, daß mein Großvater ein regelrechter Lehrbub und später Wandergeselle
gewesen war. So etwas kannte ich nur aus richtigen Märchen."
Nur sollte das die Form von Geschichten haben: Ich hab damals das und das gemacht und da ist mir das passiert .. . Meist staunt man dann selber, wie man die Erlebnisse ausphantasiert, und doch nicht das Gefühl hat, sie würden verkehrt. Am Ende haben wir uns selber eine ganz neue Vergangenheit erzählt. Auch mit Flunkereien flunkern wir
noch von uns und über uns, wir teilen uns mit, auch wenn es so traurige Heldengeschichten werden können, wie die verdrehten Kriegserzählungen unserer Väter.
"Zum Beispiel erzählte mein Vater, wie er in Rußland mit seiner Einheit versprengt wurde und mit Kollegen eine Nacht in einem Wachhaus verbrachte (mit Briketts als Kopfkissen). Oder er wurde beim Rückzug vergessen, weil er gerade "Bau" hatte. Er wurde dann von einem Oberleutnant nachgeholt, der
extra wegen ihm zurückkam."

7.
Wer lieber gleich offensichtlich flunkert, erleichtert sich das Geschäft durch stehende Figuren. Oft tauchen solche Figuren in Kindergesprächen auf; und man braucht sie nur am Schopf zu packen, Tiere, komische Namen, oder die merkwürdig gezinkte Fleischgabel auf dem Küchentisch. Durch das Erzählen kriegen sie Eigenschaften, die einem das Weitererzählen erleichtern. Wie "richtig" eine Geschichte ist oder gar was man daraus entnehmen kann über die Welt, über die die Kinder etwas erfahren möchten, hängt gar nicht davon ab, ob die Figuren und Begebenheiten "echt" sind. Wichtig ist, daß die Phantasie in den Alltag einbricht.
"Mein Bruder erzählte Phantasiegeschichten in Fortsetzungen und auch nur dann, wenn wir jüngeren Geschwister (3 Mädchen) ihm mehrere "Dienste" taten.
Die Geschichten hatten alle den Hauptpunkt, daß mein Bruder behauptete, er könne durch die Wand zu unserm alten Nachbarn ("Opa Kaiser") schauen. Wir fragten immer, was so alles passierte in unserm Nachbarhaus, und er erfand immer allerlei. Die Geschichten wurden im Dunkeln im Bett erzählt."

8.
Kinder, denen erzählt wird, machen einem bald das Handwerk streitig, denn "was du kannst, das kann ich auch". Wie sie Sprache sprechen lernen, so lernen sie erzählen durchs Erzählen.
"Von andern Kindern habe ich auch Geschichten gehört. Manchmal am Abend, zwischen sieben und acht Uhr. Weil es so warm war, haben wir uns auf eine Wiese gesetzt und uns Witze erzählt. Plötzlich waren es keine Witze mehr, sondern Märchen, die von den andern erzählt wurden."
Wer aber seine eigenen Geschichten erzählen kann, durchschaut am ehesten die Bären, die man ihm aufbinden möchte, ob hochglanzgedruckt, in Stereo oder auf der Mattscheibe.
(Die Erinnerungen äußerten Studenten des Erzählprojektes an der Universität Bremen)


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#3

RE: theoretisches für Erzähler

in Märchenerzähler 26.05.2007 15:45
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

wer Interesse hat und noch mehr wissen möchte, dem empfehle ich diese Homepage:

http://www.stories.uni-bremen.de/index.html

sowie das Buch:
erzählen
die wiederentdeckung einer vergessenen kunst
geschichten und anregungen: ein handbuch

erschienen im rororo Verlag 1982


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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