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#1

RE: Mullah Nasreddin

in Lieblingsmärchen 14.12.2006 13:48
von Aramesh | 7.479 Beiträge | 7479 Punkte

Diese Geschichten von Mullah Nasreddin sind im ganzen Orient bekannt. Er verkörpert den dortigen Till Eulenspiegel. Es gibt kaum jemanden im Nahen Osten, der ihn nicht kennt. Aber zu 1001 Nacht gehören seine Geschichten auch nicht. Hier eine, die ich besonders gern mag:

Die guten Rechner

Der Mullah Nasreddin Hodscha kam auf seinen Reisen auch in ein Dorf, das dafür bekannt war, dass seine Einwohner besonders gut im Rechnen waren. Nasreddin fand Quartier bei einem Bauern. Am nächsten Morgen stellte Nasreddin fest, dass in dem Dorf kein Brunnen war. Am Morgen wurden in jedem Haus ein oder zwei Esel mit Wasserkrügen bepackt, und dann zog man los zu einem eine Stunde entfernten Bach, füllte die Krüge und brachte sie wieder zurück, was noch einmal eine Stunde dauerte.

"Wäre es nicht besser, wenn man das Wasser im Dorf hätte?" fragte der Hodscha den Bauern, bei dem er wohnte.

"Oh, viel besser", sagte der Bauer. "Das Wasser kostet mich jeden Tag zwei Arbeitsstunden mit einem Esel und einem Junge, der den Esel treibt. Das macht im Jahr 1460 Stunden, wenn man einen Esel mit einem Jungen gleichsetzt. Wenn der Esel und der Junge in dieser Zeit auf den Feldern arbeiten würden, könnte ich zum Beispiel ein ganzes Kürbisfeld mehr bestellen und jedes Jahr 457 Kürbisse zusätzlich ernten."

"Ich sehe, du hast alles gut ausgerechnet", sagte bewundernd der Hodscha. "Warum also nicht einen Graben anlegen, um das Wasser bis ins Dorf zu leiten?"

"Das ist nicht so einfach", sagte der Bauer. "Es ist ein Hügel dazwischen, den man abtragen müsste. Wenn ich meinen Jungen und den Esel, statt sie um Wasser zu schicken, einen Graben anlegen ließe, würden sie, wenn sie täglich 2 Stunden arbeiten, 500 Jahre brauchen. Ich lebe aber vielleicht nur noch 30 Jahre, also ist es für mich billiger, ich lasse sie Wasser holen."

"Ja, aber müsstest du denn alleine für den Kanal aufkommen? Ihr seid doch mehr Familien in eurem Dorf?"

"Oh ja", sagte der Bauer, "wir sind genau 100 Familien. Wenn jede Familie täglich für zwei Stunden einen Jungen und einen Esel schicken würde, dann wäre der Kanal in fünf Jahren fertig. Und wenn sie täglich 10 Stunden arbeiten würden, dann in einem Jahr."

"Warum sprichst du dann nicht mit deinen Nachbarn und schlägst ihnen vor, gemeinsam einen Kanal zu graben?"

"Nun, wenn ich mit einem Nachbarn eine wichtige Sache zu besprechen habe, so lade ich ihn in mein Haus ein, bewirte ihn mit Tee und Halva, spreche mit ihm über das Wetter und die Aussichten für die kommende Ernte, dann über seine Familie, über die Söhne, Töchter, und Enkel. Dann lasse ich ihm ein Essen servieren, nach dem Essen wieder Tee, dann fragt er mich nach meinem Hof und nach meiner Familie, und dann kommen wir schön langsam zur Sache. Das dauert einen ganzen Tag. Da wir in unserem Dorf 100 Familien sind, müsste ich mit 99 Familienoberhäuptern sprechen. Du wirst zugeben, dass ich nicht 99 Tage hintereinander mit solchen Gesprächen zubringen kann, da würde mein Hof zugrunde gehen. Ich könnte höchstens einmal in der Woche einen Nachbarn zu mir einladen. Das heißt, da das Jahr nur 52 Wochen hat, würde es fast zwei Jahre dauern, bis ich mit allen Nachbarn gesprochen habe. Wie ich meine Nachbarn kenne, würde schließlich jeder zustimmen, dass es besser wäre, das Wasser im Dorf zu haben, denn sie können alle gut rechnen. Und wie ich sie kenne, würde jeder von ihnen versprechen, mitzumachen, wenn auch die anderen mitmachen. Also müsste ich nach zwei Jahren wieder von vorne beginnen, alle meine Nachbarn einzuladen, und ihnen sagen, dass auch die anderen bereit wären, mitzumachen."

"Gut", sagte der Hodscha, "aber nach vier Jahren wäret ihr dann doch so weit, mit der Arbeit zu beginnen. Und nach einem weiteren Jahr wäre sie fertiggestellt!"

"Es kommt noch eine Schwierigkeit hinzu", sagte der Bauer. "Du wirst zugeben, wenn der Kanal einmal gegraben ist, wird jeder von dort Wasser holen können, egal, ob er sich an den Arbeiten beteiligt hat oder nicht."

"Das ist richtig", sagte der Hodscha. "Selbst wenn man es wollte, könnte man den Kanal nicht in seiner ganzen Länge bewachen."

"Eben", sagte der Bauer. "Also hätte jemand, der sich vor der Teilnahme an der Arbeit drückt, denselben Nutzen wie alle anderen, aber ohne die Kosten."

"Das gebe ich zu", sagte der Hodscha.

"Also wird doch jeder von uns, der rechnen kann, versuchen, sich zu drücken. Einmal wird der Esel lahm sein, einmal wird der Junge an Husten leiden, einmal wird die Frau krank sein und man wird Jungen und Esel brauchen, um den Arzt zu holen. Nun kann aber jeder von uns rechnen, also wird jeder von uns sich zu drücken versuchen. Und weil jeder von uns weiß, dass die anderen sich drücken werden, wird erst gar keiner seinen Esel und seinen Jungen zur Arbeit schicken. Also wird der Graben nicht einmal begonnen werden."

"Ich muss zugeben, dass deine Überlegungen sehr einleuchtend klingen, sagte der Hodscha. Er grübelte eine Weile, doch dann rief er plötzlich aus: "Ich kenne aber ein Dorf auf der anderen Seite des Gebirges, das genau das gleiche Problem hatte wie Ihr. Die haben aber schon seit zwanzig Jahren einen Graben."

"Ja", sagte der Bauer, "die können aber auch nicht rechnen!"


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#2

RE: Mullah Nasreddin

in Lieblingsmärchen 14.12.2006 20:46
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Ah, ja, die Geschichten über Hodscha Nasreddin sind mir aus meiner Kindheit bekannt, es gab da einen wunderbaren sowjetischen Märchenfilm über ihn.Ich glaube, den haben sie in Sarmakand gedreht.

Ich merke aber, dass Du die Benennung andersherum schreibst Nasreddin Hodscha.
Hab mal auf Wikipedia geguckt und folgende Geschichten gefunden:

Der Schmuggler

Wieder und wieder überquerte Nasreddin die Grenze zwischen Persien und Griechenland auf Eselsrücken. Jedesmal hatte er zwei Körbe mit Stroh dabei und kam ohne sie zurück. Jedesmal untersuchte die Wache ihn wegen Schmuggelware. Niemals fand man etwas. „Was bringst du herüber?“, fragten Sie ihn. „Ich bin ein Schmuggler.“, antwortete er immer. Jahre später, Nasreddin machte einen immer wohlhabenderen Eindruck, zog er nach Ägypten. Dort begegnete er einem der Grenzwächter. „Sag einmal, Nasreddin, jetzt wo du außerhalb der Gerichtsbarkeit von Griechenland und Persien bist und hier in solchem Wohlstand lebst, sage mir doch, was war es eigentlich, was du geschmuggelt hast als wir dich nie überführen konnten.“ „Esel“.

Hier zeigt Nasreddin, dass dem gewöhnlichen Menschen ein großer Teil der Bedeutung des Lebens entgeht, weil er in Schablonen denkt, und sich nicht auf eine ganz andersartige Sicht der Dinge einstellen kann. Er mag leben, ja sogar Fortschritte machen, aber er versteht nicht alles, was um ihn her vorgeht.

Ins Deutsche übertragen wurden unter anderem die Schwänke nach Orhan Veli.

Der Esel

Ein Mann kam zu Nasreddin, um sich einen Esel von ihm zu borgen. „Sehr gerne“, sagte Nasreddin „aber heute ist mein Esel nicht da!“. In diesem Augenblick schreit der Esel hinterm Haus: „Iaaah“. „Warum lügst du? Dein Esel ist doch zu Hause!“ „Was willst du? Glaubst du mir oder dem Esel?“, fragte der Mullah.

Der Topf

Nasreddin gab seiner Nachbarin einen geliehenen Topf zurück und bedankte sich bei ihr dafür. An einem anderen Tag sagte die Nachbarin: „Mullah, du hast einen kleinen Topf in meinem Topf vergessen.“ Mit einem ernsten Ton sprach der Mullah: „Der Topf war schwanger und hat bei mir ein Baby bekommen.“ Als sich der Mullah wieder einmal einen Topf bei der Nachbarin leihen wollte, gab sie ihm den größten, den sie im Hause hatte. Mehrere Tage vergingen und der Mullah brachte den Topf nicht zurück. Schließlich fragte die Nachbarin: „Wo ist mein Topf?“ Der Mullah sprach ihr sein Beileid aus: „Er ist leider gestorben.“ – „So ein Unsinn“, erwiderte die Nachbarin, „wie kann ein Topf denn sterben?“ – „Wenn Töpfe Junge bekommen können, dann können sie auch sterben“, antwortete der Mullah.

Die Auberginen

Also ward Nasreddin zum engen Vertrauten und bevorzugten Günstling des Herrschers. Eines Tages nun bereitete der Koch einige Auberginen zu, die dem Herrscher so köstlich schmeckten, dass er dem Koch befahl, dieses Gericht jeden Tag zuzubereiten. Auf den Ausruf des Herrschers: „Ist dies nicht das wohlschmeckendste Gemüse auf der ganzen Welt?“, antwortete Mullah Nasreddin pflichtgemäß: „Ja, Euer Majestät! Das allerbeste!“ Als nun am fünften Tag beim so und so vielten Essen wieder Auberginen aufgetragen wurden, brüllte der Herrscher: „Nehmt sofort dieses Essen hinfort! Es ist schauderhaft!“ „Ja, wirklich, Euer Majestät“, pflichtet Mullah Nasreddin bei, „wahrhaftig es ist das übelste Gemüse der Welt!“ „Aber Nasruddin“, wandte der Herrscher ein, „vor einigen Tagen noch priesest du dieses als allerbestes Gemüse?“ „Ja, schon wahr, Eure Majestät! Aber schließlich diene ich dem Herrscher und nicht dem Gemüse!“

Der Klang des Geldes

Nasreddin ging durch den Bazar. Er hörte Geschreie aus einer Garküche. Nasreddin rannte sofort hin, um nachzusehen, was dort geschah. Er sah einen Wirt, der einen Bettler am Kragen schüttelte, nur weil der Bettler nicht zahlte. Nasreddin fragte, was los sei. Der Wirt brüllte: „Dieser Landstreicher holte einen Fladen aus der Tasche und hielt den Fladen solange auf dem Bratspieß, bis er nach Fleisch roch und doppelt so gut schmeckte und jetzt zahlt er nicht.“ Daraufhin sprach Nasreddin zum Bettler: „Es ist nicht gut, fremdes Gut ohne Bezahlung zu benutzen. Hast du Geld?“ Der Bettler holte ein paar Münzen aus der Tasche und der Wirt streckte seine Hand aus, aber Nasreddin sprach plötzlich: „Warte, Meister des Wohlgeschmacks, hör mal genau zu!“ Nasreddin schüttelte eine Weile die Faust, in dem sich die Münzen befanden und es klimperte. Er gab dem Bettler das Geld zurück und rief: „Gehe hin, in Frieden!“ Der Wirt sprach erschrocken: „Aber ich hab das Geld doch überhaupt nicht bekommen.“ Nasreddin dagegen: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid Ihr quitt!“


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#3

RE: Mullah Nasreddin

in Lieblingsmärchen 14.12.2006 21:01
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Zur historischen Person habe ich folgendes gefunden:

Nasreddin
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie


Molla Nasreddin (auch: Mullah Nasrudin; türkisch: Nasrettin Hoca, siehe Hodscha) ist zugleich eine Weisen-, Narren-, Meister-, Bettler-, Richter-, Lehrer- und Arztfigur im Islam. Er kommt in vielen Schwänken vor, die sowohl oberflächlich einfach als Witz wahrgenommen werden können, aber auch eine versteckte Aussage haben. Aus letzterem Grund sind die Geschichten von Nasreddin gerade in der Tradition des Sufismus (islamische Mystik) tief verankert, wo sie von den Sheikhs als Lehrgeschichten für ihre Derwische verwendet werden. Die erste schriftliche Erwähnung einer Lehrgeschichte von Nasreddin findet in der Saltukname, eine Sammlung von Legenden über Sari Saltuk, einem Heiligen des 13. Jahrhunderts statt. Diese wurde 1480 von Ebülhayr Rumi nach siebenjähriger Vorarbeit herausgegeben.

Der Name Nasr ed-Din bedeutet „Sieg des Glaubens“. Nasreddin ist immer im muslimischen Glauben verhaftet und in dieser Hinsicht moralistisch.


Geschichte

Ein historischer Nasreddin lebte vermutlich zwischen den 13. und 14. Jahrhunderten in Anatolien oder Persien, wo er als geistlicher Lehrer wirkte. In Konya in der Türkei sowie im Iran befinden sich auch seine vermutlichen letzten Ruhestätten. Der Legende nach soll Timur Lenk seinen Ruf als weisen Schalk begründet haben. Aber wie bei anderen Figuren aus der Überlieferung, ist auch der heutige Nasreddin keine authentische historische Person. Ihm wurden allerlei witzige, humorvolle oder schwankhafte Erzählungen nachträglich zugeschrieben (wie beispielsweise die von Dschuha). In vielen Erzählungen spielt er einfach eine Witzfigur wie Fritzchen, in anderen eine Art Till Eulenspiegel, wobei es durchaus Ähnlichkeiten in den Geschichten zu Eulenspiegel gibt (siehe beispielsweise Der Klang des Geldes, die vergleichbar bei Till Eulenspiegel oder in Grimms Märchen vorkommt). Er ist in allen islamisch geprägten Regionen bekannt, auch in Afghanistan, in Iran und Tadschikistan, und ihm werden vielerorts lokale Ereignisse zugeschrieben.


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#4

RE: Mullah Nasreddin

in Lieblingsmärchen 15.12.2006 13:01
von Aramesh | 7.479 Beiträge | 7479 Punkte

Das ist ja interessant und witzig, Gemi,

ich habe die gleichen Geschichten gestern Mittag in mein Patchwork-Türmchen gesetzt. Das mit Samarkand habe ich auch schon gehört. Die Geschichten von Mullah Nasreddin oder Nasrudin sind wirklich im Osten bekannter als im Westen.

Djalal ad Din Rumi ist übrigens ein persischer Sufi und Dichter gewesen, der in Konya begraben liegt, und für den die Türkei als auch der Iran Ansprüche erhebt. Er gilt als Gründer des Mevlana-Derwisch-Ordens. In meinem Bücherschrank steht sein Mathnavi. Darin beschäftigt er sich in spirituelle Versen (im Iran als Rubajat bezeichnet) mit der allumfassenden Liebe. Nasr (Sieg) ist übrigens ein geläufiger Männername im ganzen Orient. In Europa schreibt man ihn glaube ich Nasser. Din steht für Glaube aus dem Arabischen und Persischen.

Lieben Gruß und ein schönes Wochenende wünsche ich Dir


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