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#1

RE: britisch, irisch,keltisch

in Märchen aus Großbritannien und Irland 04.11.2006 09:57
von mande (gelöscht)
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Wo König Arthur schläft

Es war einmal ein junger Mann im Westen von Wales, der war der Siebente von sieben Söhnen. Von solchen Menschen sagt man, daß auf dem 49. Teil ihrer selbst der Segen der Feen ruhe.
Nun geschah es eines Tages, daß er sich mit seinem Vater stritt, sein Heim verließ und sein Glück in England suchte. Als er durch Wales wanderte, traf er einen reichen Farmer, der ihn einstellte, um eine Viehherde nach London zu bringen.
»In meinen Augen«, sagte der Mann, »bist du ein rechter Kerl, und Glück hast du bestimmt im Leben auch. Mit einem Hund hinter dir und einern Stab in der Hand wärest du der Prinz, unter den Rindertreibern. Nun, hier ist ein Hund, aber wo in aller Welt bekommen wir einen Stab für dich her?«
»Überlaß das nur mir« , sagte unser Mann aus Wales, ging zu einem steinigen Hügel und schnitt sich dort den schönsten Haselstecken, den er finden konnte. Der war so lang, daß er ihm bis zur Schulter reichte, biegsam wie eine Forelle und zugleich so hart, daß;, als die Stecken seiner Gefährten schon wie zerschlissenes Stroh aussahen, der seine weder einen Riß noch einen Sprung aufwies.
Er zog durch England und lieferte seine Herde in London ab. Etwas später stand er an der London Bridge und fragte sich, was er nun tun solle, als ein Fremder bei ihm stehenblieb und sich erkundigte, woher er komme.
»Aus meinem eigenen Land« , erwiderte er, denn ein Waliser in England ist vorsichtig.
»Und wie heißt du?« fragte der Fremde.
»Ich trage den Namen, den mir mein Vater gab.«
» Und wo stammt dieser Stecken her, Freund ?« » Wohl von einem Baum.«
»Du bist gewiß nicht auf den Kopf gefallen«, sagte der Fremde, »aber was würdest du wohl sagen, wenn ich behauptete, daß du mit diesem Stecken in deiner Hand Gold und Silber machen kannst?«
»Ich würde sagen, Ihr seid ein weiser Mann.«
»In großen Buchstaben geschrieben«, sagte der Fremde, und er erklärte, daß der Haselstecken über einem Platz gewachsen sei, an dem ein großer Schatz verborgen liege, »wenn du dich nur noch daran erinnern kannst, wo du diesen Stecken geschnitten hast und mich dorthin führst, ist dieser Schatz dein. «
»Das kann schon geschehen«, sagte der junge Mann, »denn um mein Glück zu machen, bin ich ja hier .« Ohne weitere Worte brachen sie zusammen nach Wales auf und erreichten schließlich den Felsen der Festung (Craig-y-Dinas ), wo der junge Mann dem Weisen (denn das war dieser Mann wirklich) genau die Stelle zeigte, an der er den Stock abgeschnitten hatte. Er war aus dem Wurzelwerk eines alten Haselnußbusches gewachsen, und man konnte noch die Schnittfläche sehen, gelb wie Gold und breit wie eine breite Bohne. Dort gruben sie nach und stießen bald auf einen großen flachen Stein, und als sie den Stein aufhoben, sahen sie einen Gang, in dem irgend etwas in der Ferne leuchtete.
»Du gehst voran«, sagte der weise Mann, denn ein Engländer in Wales tut auch gut daran, vorsichtig zu sein. Also krochen sie in den Gang hinein, immer dem Leuchten nach.
Von der Decke des Ganges hing eine bronzene Glocke herab, die hatte die Form eines Bienenkorbes, und der weise Mann sagte dem Waliser, daran dürfe er um Himmels willen nicht stoßen, sonst gebe es ein Unglück. Bald erreichten sie den Hauptteil der Höhle. Es war ein sehr großer Raum, aber mehr noch erstaunte sie, was sie dort sahen. Er war angefüllt mit Kriegern in strahlender Rüstung, die alle auf dem Boden lagen und schliefen. Es gab einen äußeren Ring von tausend Männern und einen inneren von hundert, die Köpfe ruhten zur Wand hin, und ihre Füße waren gegen die Mitte hin ausgestreckt, jeder trug ein Schwert, einen Schild, eine Streitaxt und einen Speer , und ganz außen lagen ihre Pferde. Weshalb sie das alles so deutlich erkennen konnten, wird man fragen. Nun, die Waffen und die Rüstungen glitzerten wie Sonnen, und die Hufe der Pferde strahlten ein Licht aus wie der Mond im Herbst. Und ganz in der Mitte lag ein König und Kaiser, den man an der juwelenbesetzten Krone in seiner Hand und an seiner ganzen Erscheinung erkannte. Dann sah der junge Bursche, daß in der Höhle auch zwei große Haufen Gold und Silber lagen. Gierig wollte er sich darauf stürzen, aber der weise Mann riet ihm, einen Augenblick zu warten.
»Nimm von einem Haufen oder vom anderen«, warnte er , »aber hüte dich, von beiden zu nehmen.«
Der Waliser lud sich so viel Gold auf, bis er auch nicht eine Münze mehr hätte tragen können. Zu seinem Erstaunen nahm der weise Mann nichts. »Gold und Silber machen nicht weise« , sagte er. Das erschien dem Waliser mehr angeberisch als klug, aber er sagte nichts, als sie wieder zum Eingang der Höhle zurückkehrten. Wieder warnte ihn der weise Mann, nur nicht an die Glocke zu stoßen.
»Es könnte für uns schlimm ausgehen, wenn einer oder mehrere der Krieger aufwachten und ihren Kopf höben und dann fragten: Ist es Tag? Sollte das geschehen, so mußt du auf der Stelle antworten: Nein, schlaft nur weiter, dann werden sie hoffentlich den Kopf wieder senken, und das bedeutet, wir können entkommen.«
Und so geschah es. Der Waliser hatte sich die Taschen so mit Gold vollgestopft, daß er sich nicht an der Glocke vorbeizwängen konnte, ohne mit dem Arm daranzustoßen. Sofort weckte der Klang einen der Krieger. Er hob seinen Kopf und fragte :
»Ist es Tag?«
»Nein«, antwortete der junge Mann, »schlaf nur weiter. «
Und prompt senkte der Krieger seinen Kopf wieder und schlief ein. Nicht ohne sich noch einmal nach hinten umzuschauen, erreichten die beiden Männer das Tageslicht und brachten den Stein wieder in seine alte Lage. Der weise Mann verabschiedete sich von dem jungen Burschen und sprach :
»Nütze deinen Reichtum gut, dann wird er für den Rest deines Lebens hinreichen. Wenn du aber noch einmal kommst und noch mehr holen willst, was ich vermute, dann bediene dich von dem Haufen mit Silber. Stoß nicht an die Glocke, aber wenn ein Krieger von ihrem Ton erwacht, wird er fragen: Ist der Cymry in Gefahr? Dann mußt du antworten: Noch nicht, schlaf weiter! Aber auf keinen Fall darfst du ein drittes Mal in die Höhle zurückkehren.«
» Wer sind diese Krieger?« fragte der junge Mann aus Wales, »und wer ist der schlafende König?«
» Es ist König Arthur, und die um ihn sind die Männer von der Insel der Mächtigen. Sie schlafen mit ihren Stuten und Waffen, weil ein Tag kommen wird, an dem Land und Himmel widerhallen vom Lärm einer Heerschar, und die Glocke wird läuten. Dann werden die Krieger ausreiten, Arthur allen voran, um den Feind ins Meer zurückzuwerfen, und von da an wird Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen sein, solange die Welt dauert.«
» Vielleicht kommt es dahin«, sagte der junge Mann, »unterdessen habe ich mein Gold.«

Aber bald war es soweit, daß er alles Gold ausgegeben hatte. Zum zweiten Mal betrat er die Höhle, und diesmal nahm er eine große Ladung Silber mit. Ein zweites Mal stieß er mit dem Ellbogen an die Glocke. Drei Krieger hoben ihre Köpfe. »Ist der Cymry in Gefahr?« Die Stimme des einen klang leicht, wie die eines Vogels, die Stimme des zweiten dunkel wie die eines Ochsen, und die Stimme des dritten so drohend, daß man kaum zu antworten wagte .
»Noch nicht«, sagte der junge Mann, »schlaft nur weiter.« Langsam, unter Seufzen und Murmeln, senkten sie ihre Köpfe, ihre Pferde wieherten und scharrten mit den Hufen, dann war es wieder still in der Höhle.
Für lange Zeit gab sich der junge Mann damit zufrieden, daß er sich sagte: Ein drittes Mal darfst du die Höhle nicht betreten. Aber nach ein, zwei Jahren war das Silber den Weg des Goldes gegangen, fast gegen seinen Willen stand der junge Mann abermals unter dem Haselbusch, eine Hacke in der Hand. Ein drittes Mal betrat er die Höhle, und diesmal nahm er eine große Ladung Gold und Silber mit sich. Ein drittes Mal stieß er mit dem Ellbogen an die Glocke.
Als sie läutete, sprangen alle Krieger auf und die Pferde mit ihnen, und nie hatte man einen solchen Aufruhr erlebt. Dann erklang Arthurs Stimme, und Cei, der einhändige Bewyr, Owein, Trystan und Gwalchmei gingen unter der Mannschaft umher und beruhigten die Pferde.
» Noch ist es nicht Zeit« , sagte Arthur. Er deutete auf den jungen Mann, der mit Gold und Silber beladen war . »Oder wollt ihr etwa wegen dem da ausmarschieren ?«
Cei wollte den Eindringling fassen und ihn gegen die Wand schleudern, aber Arthur verbot ihm dies und hieß ihn, den Fremden nur hinauszubefördern. Wie ein Kaninchenfell flog der Bursche durch den Gang und der Verschlußstein hinter ihm drein. Ohne einen Pfennig, bleich vor Schrecken und voller Schrammen kam er wieder ans Tageslicht.
Es dauerte lange, bis man ihn dazu bringen konnte, seine Geschichte zu erzählen, und noch länger dauerte es, bis es ihm wieder besser ging.
Eines Tages aber kehrte er zusammen mit einem Freund nach Craig-y-Dinas zurück.
» Wo ist der Haselstrauch hin ?« fragten sie sich, denn er war nirgends zu sehen. »Und wo ist der Stein?« Auch der Stein war nicht mehr zu finden. Als der junge Mann darauf beharrte, seine Erlebnisse in der Höhle seien wahr, wurde er ausgelacht, und als er trotzdem die Geschichte weitererzählte, wurde er mit Schlägen zum Schweigen gebracht. Voller Zorn und Schande ging er außer Landes. Und seit diesem Tag hat niemand, und sei er auch der Siebente unter sieben Söhnen, Arthur mit seinem Hofstaat schlafen gesehen. Und niemand wird ihn auch sehen, bis zu dem Tag, da England und Wales in höchster Gefahr sind.
(Märchen aus Wales)

Mande


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#2

RE: britisch, irisch,keltisch

in Märchen aus Großbritannien und Irland 10.06.2007 18:32
von Märchenengel (gelöscht)
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Der Bursche, der keine Geschichte kannte

Es war einmal ein junger Bursche, Paddy Ahern. Er war freundlich zu jedermann und doch nicht gerade willkommen in den Häusern der anderen, denn man hätte statt seiner auch einen Stein in die Ecke setzen können. Ja, stumm wie ein Stein war Paddy, wenn es darum ging, die anderen zu unterhalten. Kein Lied konnte er singen, keine Geschichte erzählen, ja nicht einmal ein Rätsel oder einen Witz konnte Paddy zum Besten geben.
Einmal arbeitete Paddy für einen Bauern in der Gegend von Limerick, mal für diesen, mal für jenen, und übernachtete dort, wo es sich gerade anbot. Aber bald merkte er, dass er auch hier nicht willkommen war in den Häusern, in denen er über Nacht blieb. Denn die Leute waren zwar gastfreundlich, aber sie erwarteten doch, dass er als Fremder Neuigkeiten zu erzählen hätte oder den Abend durch Lieder und Geschichten verkürzen könnte. Der arme Paddy war betrübt, aber was sollte er tun?
So ging er eines Abends einen einsamen Weg entlang, denn er hatte noch keine Unterkunft für die Nacht gefunden. Da sah er auf einmal Licht in einem Haus etwas abseits mitten im Feld. Paddy sprang über den Straßengraben, ging auf das Haus zu und klopfte an die Tür. Es war ein seltsames Haus, groß und dunkel, und die Tür öffnete ein seltsamer großer und dunkler Mann. „Willkommen Paddy Ahern!“, sagte der Mann. „Komm herein und setz dich ans Feuer.“ Paddy wunderte sich, dass der Mann seinen Namen wusste, aber er traute sich nicht zu fragen, denn es war wirklich ein seltsamer Ort. Sie aßen zusammen, und dann zeigte der Mann Paddy, wo er schlafen konnte. Paddy zog seine Kleider aus und legte sich hin, müde wie er war.
Aber viel Schlaf bekam er nicht in dieser Nacht. Denn kaum hatte er die Augen zugemacht, da schlug krachend die Tür auf, und drei Männer kamen herein, sie trugen einen Sarg – er schien sehr schwer zu sein. Vom Hausherrn war nichts zu sehen. „Wer hilft uns nun, den Sarg zu tragen?“, fragte einer der Männer die beiden anderen. „Paddy Ahern, wer sonst?!“, sagten sie.
Nun musste Paddy aufstehen, sich anziehen und mit einem der Männer ans Fußende des Sarges gehen, die beiden anderen gingen am Kopfende, und dann trugen sie den Sarg aus den Haus über die Wiesen, weiter und immer weiter querfeldein durch Gräben und Hecken. Es dauerte nicht lange, da war Paddy völlig durchnässt, schmutzig und ganz zerkratzt. Wenn Paddy stehen blieb, um zu verschnaufen, schimpften die Männer ihn aus, und wenn er stolperte und hinfiel, so traten sie ihn mit Füßen, bis er wieder aufstand. Ihm war hundeelend.

Schließlich kamen sie an eine mannshohe Mauer – schrecklich einsam war es dort. „Wer hebt nun den Sarg über die Mauer?“, fragte einer der Männer. „Paddy Ahern, wer sonst?!“, sagten die beiden anderen. Und nun musste Paddy ganz allein den schweren Sarg über die mauer wuchten, das war kaum zu schaffen. Als er endlich den Sarg über die mauer gebracht hatte, sah er, dass sie auf einem Friedhof standen. Paddy konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Aber die Männer ließen ihm keine Ruhe.
„Wer gräbt nun das Grab?“, fragte einer. „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Sie gaben ihm einen Spaten, und Paddy schaufelte ein Grab. Als die Grube endlich ausgehoben war, sagte einer der Männer: „Wer öffnet nun den Sarg?“ – „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Paddy wäre fast gestorben vor Angst, aber was blieb ihm übrig? Er kniete nieder, öffnete mit zitternden Fingern den Sarg und nahm den Deckel ab. Und stellt euch vor: Der Sarg – so schwer er war – war leer.
„Wer legt sich nun in den Sarg?“ – „Paddy Ahern, wer sonst?!“ Die drei Männer wollten Paddy packen, aber der wartete nicht länger, er sprang auf, sprang über die Mauer und lief davon über die Felder, so schnell er konnte. Und die drei Männer hinter ihm her, sie schrieen und johlten, eine schöne Hetzjagd war das! Paddy rannte und rannte wie nie zuvor in seinem Leben, und doch hätten die drei Männer ihn mehr als einmal fast gepackt, aber irgendwie konnte Paddy ihnen immer wieder im letzten Augenblick entwischen.
Da sah er in der Ferne Licht im Fenster, und rannte darauf zu. „Macht auf“, schrie er schon weitem, „macht auf, um Himmels willen, und rettet mich!“

Die Tür ging auf, und Paddy stürzte hinein in die Küche. Und wer hatte Paddy geöffnet? Ein seltsamer, großer, dunkler Mann. Das war zuviel für Paddy, ohnmächtig brach er zusammen.

Als Paddy wieder zu sich kam, war es heller Tag, er lag in dem Bett, in dem er am Vorabend eingeschlafen war. Der Hausherr kochte in der Küche Tee. Sonst war niemand zu sehen. „Ah, bist du endlich wach, Paddy?“, fragte er. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen?“
„Ganz und gar nicht“, sagte Paddy. „Völlig zerschlagen bin ich von dem, was ich heut Nacht erlebt habe. Und ich bleibe nicht eine Minute länger in diesem Haus. Ich gehe!“ Er stand auf und schlüpfte in seine Kleider, die vor dem Bett lagen. Ja, aber die waren sauber und trocken, ohne Risse, ohne Flecken, ohne irgendeine Spur von den Erlebnissen der vergangenen Nacht. Paddy wusste nicht, was er davon halten sollte, er nahm sein Bündel und ging rasch zur Tür.

„Hör mal, Paddy,“ sagte da der Hausherr, „du hast mir Leid getan, wie du so umhergezogen bist ohne Lied, ohne Geschichte. Aber sag doch selbst, bevor du gehst: Hast du nun nicht eine schöne Geschichte zu erzählen?“
Paddy gab keine Antwort, sondern machte, dass er hinauskam, und erst als er über den Straßengraben gesprungen war, schaute er noch einmal zurück – aber da war nichts, keine Spur von einem Haus, nur blanke Felder, auf denen Schafe weideten.


(aus Irland/ keltisches Märchen )

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