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RE: Das moderne Märchen - Einschätzung von L.Tetzner

in Unterschied Volks- und Kunstmärchen 12.02.2009 12:11
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Das moderne Märchen in seinem Verhältnis zum Volksmärchen
Einige Worte über den Wert und Unwert des modernen Märchens

von Lisa Tetzner

Aus: Hellweg. Wochenschrift dür deutsche Kunst. 4.Jahrgang (1924) Heft 18, S.321/322

Mit dem Begriff Märchen ist leider schon sehr viel Mißbrauch getrieben worden. Die Märchenform hat immer wieder dazu verleitet, daß berufene und unberufene Dichter diese Form dichterisch zu gestalten versuchten. Es geschah sehr oft in völliger Verkennung der eigentlichen Märchenidee. Man symbolisierte mystisch verworren in süßlich blumenhaften Phantasien, war altklug weise und kindlich naiv. Oder man ließ seinen Spott und Übermut über menschliche Schwächen und Eigenheiten, hinter Tier- und Sachmaske versteckt, in glossenhafter Märchengewandung spielen. Geschah das von wirklichen Dichtern, so schuf es eine unzweifelhaft gewandte, belustigende oder tief ernsthafte reine Kunstform. Aber eine Form, die weit ab vom eigentlichen Märchengedanken lag. Gewiß läßt sich über die Idee des Märchens streiten; aber ich sage, hier soll ein stärkerer Trennungsstrich gezogen werden. Das, was wir in der Literatur der letzten Jahre von namhaften Dichtern als Märchen besitzen, sind alles mehr oder weniger b e w u ß t e Kunstwerke, denen jede Ursprünglichkeit fehlt. Und hier setzt die erste strenge Scheidungslinie, die grundsätzliche Abweichung von der Uridee des Märchens ein. (...)

Wir haben heute - ich greife auch hier wieder nur einige neuere Vertreter wahllos als Beispiel heraus - Hermann Löns, Hermann Hesse, Waldemar Bonsel, Manfred Kyber und andere. Was aber trennt gerade d i e s e Dichter so abgrundtief von der Grundidee des Märchens? Sie sind - Löns in seiner Naturhaftigkeit vielleicht weniger - so ganz und gar unkindlich, so durch und durch gewollt und belastet mit der eigenen Persönlichkeit. (...)

Und wenn Manfred Kyber in seinen Märchen, z.B. in der Geschichte von der hohlen Nuß (ich greife sie nur aus v i e l e n seiner Märchen als Beispiel heraus), beginnt: [color=gray]Es war einmal ein kleines Menschenkind, das war vom Himmel auf die Erde heruntergefallen, sozusagen aus Versehen[/color] usw., so hat das mit Märchen, geschweige denn mit K i n d l i c h k e i t , gar nichts mehr zu tun.
Sätze wie: sozusagen aus Versehen sind gewollte Naivität und wirken beschämend der wahren großen Kindlichkeit gegenüber. Und diese Märchen sind darüber hinaus noch jenes frisierte Schnörkeltum, jene weichliche Tändelei, an denen das moderne Märchen krankt. Es soll damit kein Werturteil über Manfred Kybers Dichtkunst an sich gegeben werden. Ich will nur zeigen, daß d i e s e Art keinerlei Parallelen mehr zum eigentlichen Märchen hat, mit dessen klarer, kräftiger, schlichter Stilart, und daß dieses moderne Märchen eine völlig selbstständige Kunstform für sich ist, abgeirrt vom wahren Märchensein. (...)

Nun ist es gewiß unser persönliches Recht, in eigener Weise alte Formen neu zu beleben, ganz den Stil und die Art unserer Zeit zu haben und aus ihr schöpferisch zu sein. Aber das ist nicht der Weg, auf dem sich eine Neubelebung der Märchenliteratur bewegen kann. Denn auf diese Weise wird uns immer das Volksmärchen in seiner klaren Einfachheit, Wunderkraft, Kindlichkeit und Tiefe überlegen bleiben. (...)


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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