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#1

RE: KHM 44 Der Gevatter Tod

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 30.09.2008 16:12
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Der Gevatter Tod

Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und musste Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wusste er sich in seiner Not nicht zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zu Gevatter bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott. Der wusste schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm: “Armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.” Der Mann sprach: “Wer bist du?” - “Ich bin der liebe Gott.” - “So begehr’ ich dich nicht zu Gevatter,” sagte der Mann, “du gibst dem Reichen und lässest den Armen hungern.” Das sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Also wendete er sich von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: “Was suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.” Der Mann fragte: “Wer bist du?” - “Ich bin der Teufel.” - “So begehr’ ich dich nicht zu Gevatter,” sprach der Mann, “du betrügst und verführst die Menschen.” Er ging weiter; da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach: “Nimm mich zu Gevatter.” Der Mann fragte: “Wer bist du?” - “Ich bin der Tod, der alle gleichmacht.” Da sprach der Mann: “Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.” Der Tod antwortete: “Ich will dein Kind reich und berühmt machen; denn wer mich zum Freunde hat, dem kann’s nicht fehlen.” Der Mann sprach: “Künftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.” Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter.

Als der Knabe zu Jahren gekommen war, trat zu einer Zeit der Pate ein und hieß ihn mitgehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach: “Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; steh ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du musst sagen, alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen!”

Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. “Er braucht nur den Kranken anzusehen, so weiß er schon, wie es steht, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muss,” so hieß es von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, dass er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, dass der König erkrankte. Der Arzt ward berufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. “Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte,” dachte der Arzt, “er wird’s freilich übelnehmen, aber da ich sein Pate bin, so drückt er wohl ein Auge zu, ich will’s wagen.” Er fasste also den Kranken und legte ihn verkehrt, so dass der Tod zu Haupten desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein böses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte: “Du hast mich hinter das Licht geführt, diesmal will ich dir’s nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht dir’s an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort.”

Bald hernach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, dass ihm die Augen erblindeten, und ließ bekanntmachen, wer sie vom Tode errette, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Der Arzt, als er zu dem Bette der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich der Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so, dass er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, dass der Tod ihm zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dürren Faust drohte; er hob die Kranke auf und legte ihr Haupt dahin, wo die Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald regte sich das Leben von neuem.

Der Tod, als er sich zum zweiten mal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach: “Es ist aus mit dir, und die Reihe kommt nun an dich,” packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, dass er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also dass die Flämmchen in beständigem Wechsel zu sein schienen. “Siehst du,” sprach der Tod, “das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.” - “Zeige mir mein Lebenslicht,” sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: “Siehst du, da ist es.” - “Ach, lieber Pate,” sagte der erschrockene Arzt, “zündet mir ein neues an, tut mir’s zuliebe, damit ich König werde und Gemahl der schönen Königstochter.” - “Ich kann nicht,” antwortete der Tod, “erst muss eins verlöschen, eh’ ein neues anbrennt.” - “So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist,” bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches, großes Licht herbei, aber weil er sich rächen wollte, versah er’s beim Umstecken absichtlich, und das Stöckchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

ENDE


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#2

RE: KHM 44 Der Gevatter Tod

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 30.09.2008 20:16
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

Der Gevatter Tod
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie


Der Gevatter Tod ist ein Märchen (Typ 332, 1199 nach Aarne und Thompson), das in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 44 enthalten ist (KHM 44).


Inhalt


Ein verzweifelter armer Mann sucht für sein dreizehntes Kind einen Gevatter. Doch lehnt er den lieben Gott ab ("du gibst den Reichen und lässt den Armen hungern") wie auch den Teufel ("du betrügst und verführst die Menschen") und akzeptiert erst den Tod, der alle gleich macht. Der zeigt dem Knaben ein Kraut, womit er Kranke heilen darf, wenn er den Tod bei ihrem Kopf, nicht aber bei ihren Füßen sieht. Bald ist der Arzt für seine Klarsichtigkeit berühmt und reich. Als erst der König, dann dessen Tochter schwer erkranken, wobei sie dem Retter zur Frau versprochen ist, fällt ihm ein, sie im Bett zu drehen. Der Tod sieht es ihm einmal nach, das zweite Mal holt er ihn und zeigt ihm in einer Höhle die Lebenslichter der Menschen. Seines erlischt eben. Auf sein Bitten holt der Tod zum Schein ein neues, aber lässt das Restchen umfallen und der Arzt stirbt.

Ursprüngliche Version

In der ersten Ausgabe von 1812 fehlt der Satz So sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Der Teufel kommt nicht vor. Statt dem Kraut lässt der Doktor die Kranken an einem Fläschchen riechen und salbt ihnen damit die Füße. Sein Gevatter Tod bringt ihn am Schluss nicht um, sondern zeigt ihm nur sein schwaches Licht unter den übrigen und sagt:"Das ist dein Leben, hüt' dich!" Heinz Rölleke erklärt solche Änderungen als Reaktion der Brüder Grimm auf Kritik an ihren Märchen, hier vor allem den Vorwurf der Areligiösität.[1]

Interpretation


Überraschend erscheint, dass der Tod bei den Füßen eine tödliche Krankheit darstellt und beim Kopf eine harmlose (in manchen Varianten ist es umgekehrt).
Damit wird vielleicht angedeutet, dass der Tod die Menschen ja nicht vernichtet, sondern ihnen die physische Erdhaftung nimmt. Geht man weiterhin von einer Interpretation des Königs und seiner Tochter als Geist und Seele aus, handelt der Arzt vielleicht weise trotz seiner Vermessenheit, den Tod zu manipulieren, da er die geistige und seelische Gesundheit bewahrt.

vgl. KHM 42 Der Herr Gevatter


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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#3

RE: KHM 44 Der Gevatter Tod

in Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm 01.10.2008 12:07
von Gemini | 11.637 Beiträge | 12100 Punkte

bearbeiteter Text zum Vortrag:

Der Gevatter Tod

Ein armer Mann hatte zwölf Kinder.Tag und Nacht musste er arbeiten, damit er ihnen nur zu essen geben konnte.
Als nun sein dreizehntes Kind zur Welt kam, wusste er nicht,wen er bitten könnte, Taufpate, Gevatter für dieses Kind zu werden, denn so ein Taufpate will gut bewirtet sein.
In seiner Not lief er hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete zum Gevatter bitten.
Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott. Der wusste schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm:
“Armer Mann, du tust mir leid, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden.”
Der Mann sprach: “Wer bist du?”
“Ich bin der liebe Gott.”
“So begehr’ ich dich nicht zu Gevatter,” sagte der Mann, “du gibst dem Reichen und lässt den Armen hungern.”
Also wandte er sich von dem Herrn und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach:
“Was suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold in Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.”
Der Mann fragte: “Wer bist du?”
“Ich bin der Teufel.”
“So begehre ich dich nicht zu Gevatter,” sprach der Mann, “du betrügst und verführst die Menschen.”
Er ging weiter; da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach:
“Nimm mich zu Gevatter.”
Der Mann fragte: “Wer bist du?”
“Ich bin der Tod, der alle gleichmacht.”
Da sprach der Mann: “Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.”
Der Tod antwortete: “Ich will dein Kind reich und berühmt machen; denn wer mich zum Freunde hat, dem wird nichts fehlen.”
Der Mann sprach: “Künftigen Sonntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.”
Der Tod erschien, wie er versprochen hatte, und stand ganz ordentlich Gevatter.

Als der Knabe zu Jahren gekommen war, kam der Pate und nahm ihn mit. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach:
“Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen: steh ich am Kopf des Kranken, so kannst du sagen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von jenem Kraut ein, so wird er genesen; steh ich aber bei den Füßen des Kranken, gehört er mir und du musst sagen, alle Hilfe sei umsonst und kein Arzt in der Welt könne ihn retten. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir schlimm ergehen!”

Es dauerte nicht lange, da war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der Welt.
“Er braucht nur den Kranken anzusehen,schon weiß er, wie es steht, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muss,” so hieß es von ihm und von nah und fern kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm viel Gold, dass er bald ein reicher Mann war.
Nun trug es sich zu, dass der König erkrankte. Der Arzt wurde gerufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Wie er aber an das Bett trat, da stand der Tod bei den Füßen des Kranken.
“Wenn ich doch einmal den Tod überlisten könnte,” dachte der Arzt, “er wir es mir zwar Übel nehmen, aber weil ich sein Pate bin, drückt er wohl ein Auge zu, ich will es wagen.”
Er fasste also den Kranken und legte ihn verkehrt, so dass der Tod plötzlich neben dem Kopf des Kranken stand. Dann gab er dem König von dem Kraut ein, und er erholte sich und wurde wieder gesund.
Der Tod aber machte ein böses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte: “Du hast mich hinter das Licht geführt, diesmal will ich es dir nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, geht es dir an den Kragen.”

Bald danach wurde die Tochter des Königs schwer krank. Sie war sein einziges Kind und der König weinte Tag und Nacht: Er ließ bekanntmachen, wer sie vom Tode errette, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben.
Der Arzt, als er an das Bett der Kranken kam, sah den Tod bei ihren Füßen stehen.
Er hätte sich an die Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so, dass er all diese Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht die zornige Blicke die der Tod ihm zuwarf, wie er die Hand in die Höhe hob und mit der dürren Faust drohte; der Arzt hob die Kranke auf und legte ihren Kopf dahin, wo die Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und alsbald regte sich das Leben in ihr von neuem.

Der Tod,der zum zweiten mal um sein Eigentum betrogen war, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach:
“Es ist aus mit dir, die Reihe kommt nun an dich,” packte ihn hart mit seiner eiskalten Hand und führte ihn in eine unterirdische Höhle.
Da sah der Arzt, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. In jedem Augenblick verloschen einige, andere brannten auf, also dass die Flämmchen in beständigem Wechsel zu sein schienen.
“Siehst du,” sprach der Tod, “das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.”
“Zeige mir mein Lebenslicht,” sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte:
“Siehst du, da ist es.”
“Ach, lieber Pate,” sagte der erschrockene Arzt, “zündet mir ein neues an, tut es mir zuliebe, damit ich König werde und Gemahl der schönen Königstochter.”
“Ich kann nicht,” antwortete der Tod, “erst muss eins verlöschen, ehe ein neues anbrennt.”
“So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn jenes zu Ende ist,” bat der Arzt.
Der Tod griff langsam nach einem frischen, großen Licht,aber noch vor dem Umstecken verlosch das Lichtstöckchen des Arztes.
Da sank der Arzt zu Boden,nun war er selbst in die Hand des Todes geraten.

ENDE


Liebe Grüße
Bettina

Rezitante und Musäusfan-ny
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