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#1

RE: Finnland

in Nationalepen 24.04.2006 14:52
von Zwilli | 1.389 Beiträge | 1389 Punkte

diese schöne Erzählung auf online-roman hier, Väinämöinen von Manfred Schröder
hat mich veranlasst, mehr zu suchen

hier etwas über Kalevala, dem finnischen Epos


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#2

RE: Finnland

in Nationalepen 25.04.2006 13:26
von Zwilli | 1.389 Beiträge | 1389 Punkte

Kalevala
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie


Akseli Gallen-Kallela, „Die Verteidigung des Sampo“Die Kalevala ist ein von Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert auf Grundlage der mündlich überlieferten finnischen Volksdichtung zusammengestelltes Epos. Es gilt als das finnische Nationalepos und zählt zu den wichtigsten literarischen Werken in finnischer Sprache. Die Kalevala trug maßgeblich zur Entwicklung des finnischen Nationalbewusstseins bei und hat weit über Finnland hinaus gewirkt. Die erste Fassung des Werkes erschien im Jahr 1835. Der Name leitet sich von dem Urvater der besungenen Helden, Kaleva, ab und bedeutet so viel wie „Land Kalevas“. Der Standardtext der Kalevala besteht aus 22.795 Versen, die in fünfzig Gesänge eingeteilt sind.


Inhalt
Überblick
Die Kalevala besteht aus einer Zusammenstellung von einem breiten Spektrum von Heldensagen und Mythen. Die Handlung der Kalevala handelt hauptsächlich vom Werben um die Tochter von Louhi, der Herrscherin des Nordlandes (Pohjola) und dem Konflikt zwischen dem Volk von Kalevala und Pohjola um den Sampo, einen mythischen Gegenstand, der seinem Besitzer Wohlstand verschafft. Pohjola wird oft mit Lappland identifiziert. Über den Sampo, ein magisches Gerät, das Gold, Getreide und Salz herstellt, gibt es viele Interpretationen. Daneben gibt es mehrere andere Handlungsstränge, zum Beispiel die Sage von Kullervo, der unwissend seine eigene Schwester verführt, oder die christliche Legende von Marjatta, also der Jungfrau Maria. Zu den mythischen Elementen in der Kalevala gehört die Schöpfung der Erde und Entstehungsmythen wie die Entstehung des Eisens.

Der wichtigste Protagonist der Kalevala ist der alte und weise Sänger Väinämöinen. In ihm verbinden sich die Züge eines Sagenhelden, eines Schamanen und einer mythischen Gottheit. Andere zentrale Figuren sind der Schmied Ilmarinen und der streitbare Frauenheld Lemminkäinen.

Viele der Einzelgesänge der Kalevala greifen Themen auf, die auch aus anderen Kulturräumen bekannt sind. So erinnert Kullervo an den griechischen Ödipus-Mythos. Die Geschichte des von seiner Mutter aus dem Fluss des Todes zurück ins Leben erweckten Lemminkäinen zeigt starke Parallelen zum ägyptischen Osiris-Mythos. Die Kalevala unterscheidet sich von anderen Sagenzyklen durch ihre auf das gemeine Volk gerichtete Perspektive. Auch zeichnen sich die Helden der Kalevala weniger durch kriegerisches Geschick als durch Wissen und Sangeskunst aus.


Inhalt nach Gesängen

Akseli Gallen-Kallela, Aino-Triptychon

Erster Väinämöinen-Zyklus
1. bis 2. Gesang:
Die Kalevala beginnt mit den Anfangsworten des Dichters. Es folgt ein Schöpfungsmythos, in dem geschildert wird, wie die Welt aus dem Ei einer Tauchente entsteht, nachdem Ilmatar dieses zerbricht.

3. bis 5 Gesang:
Um sein Leben nach einem verlorenen Sangeswettkampf zu retten, verspricht Joukahainen Väinämöinen seine Schwester Aino als Frau. Aino, die sich von dem alten Mann abgestoßen fühlt, wehrt Väinämöinens Annäherungsversuche ab und ertränkt sich.


Akseli Gallen-Kallela, Das Schmieden des Sampo

6. bis 10. Gesang:
Väinämöinen reist ins Nordland (Pohjola), um um die Nordlandstochter zu werben. Unterwegs erschießt Joukahainen aus Rache Väinämöinens Pferd und dieser stürzt ins Meer. Dort rettet ihn ein Adler und trägt ihn ins Nordland. Um nach Hause zu kommen, verspricht Väinämöinen Louhi, der Herrscherin des Nordlandes, der Schmied Ilmarinen werde ihr den Sampo schmieden. Als Belohnung wird dem Schmied die Nordlandstochter versprochen. Nach seiner Heimkehr zaubert Väinämöinen Ilmarinen ins Nordland, wo er den Sampo schmiedet, aber er muss ohne die versprochene Braut zurückkehren.


Erster Lemminkäinen-Zyklus

Akseli Gallen-Kallela, Lemminkäinens Mutter

11. bis 15. Gesang:
Lemminkäinen raubt Kyllikki von der Insel (Saari) als seine Braut. Er verlässt Kyllikki und reist ins Nordland, und bittet Louhi um die Hand ihrer Tochter, worauf diese ihm drei Aufgaben aufträgt. Nachdem er den Elch von Hiisi erlegt und den Hengst von Hiisi aufgezäumt hat, soll er den Schwan auf dem Fluss des Totenreichs Tuonela, erschießen. Am Fluss tötet ihn ein Hirte und wirft den zerstückelten Leichnam in den Fluss. Lemminkäinens Mutter erfährt durch ein Zeichen vom Tod ihres Sohnes, fischt die Stücke seines Körpers mit einer Harke aus dem Fluss und erweckt ihn wieder zum Leben.


Zweiter Väinämöinen-Zyklus


16. bis 25. Gesang:
Väinämöinen beginnt mit dem Bau eines Bootes, um ins Nordland zu segeln und erneut die Nordlandstochter zu freien. Auf der Suche nach den dafür erforderlichen Zaubersprüchen besucht er erfolglos das Totenreich und erfährt sie schließlich im Bauch des toten Zauberers Antero Vilpunen. Ilmarinen erfährt durch seine Schwester Annikki von Väinämöinens Plänen und reist ebenfalls ins Nordland. Die Nordlandtochter wählt Ilmarinen. Ilmarinen besteht mit ihrer Hilfe die ihm gestellten übernatürlichen Aufgaben: er pflügt den Schlangenacker, fängt den Bären von Tuoni, den Wolf von Manala und den großen Hecht im Fluss des Totenreiches. Ilmarinen heiratet die Nordlandtochter.


Zweiter Lemminkäinen-Zyklus

26. bis 30. Gesang:
Lemminkäinen ist erbost darüber, dass er nicht auf die Hochzeit eingeladen wurde, und reist ins Nordland, wo er den Herrn des Nordlandes tötet. Er muss fliehen und versteckt sich auf der Insel, wo er sich mit den Frauen vergnügt, bis die eifersüchtigen Männer ihn vertreiben. Bei seiner Heimkehr findet er sein Haus niedergebrannt vor. Er begibt sich auf einen Rachezug ins Nordland, muss aber unverrichteter Dinge nach Hause zurückkehren.


Kullervo-Zyklus

Akseli Gallen-Kallela, Kullervos Fluch

31. bis 36. Gesang:
Untamo besiegt seinen Bruder Kalervo und tötet dessen ganzes Geschlecht außer einem Kind namens Kullervo. Untamo verkauft Kullervo als Sklaven an Ilmarinen. Ilmarinens Frau lässt ihn als Hirten arbeiten und behandelt ihn schlecht. Aus Rache treibt Kullervo die Kühe in den Sumpf und stattdessen eine Herde Raubtiere nach Hause. Ilmarinens Frau wird von den wilden Tieren getötet. Kullervo flieht aus dem Haus des Ilmarinen und findet seine Eltern. Ohne sie zu erkennen, verführt er unwissentlich seine Schwester. Als sie das erfährt, ertränkt sich die Schwester in einer Stromschnelle. Kullervo zieht zum Haus des Untamo, um Rache zu nehmen. Er tötet dort alle und kehrt nach Hause zurück, wo keiner mehr am Leben ist. Kullervo begeht Selbstmord.


Ilmarinen-Zyklus

37. bis 38. Gesang:
Ilmarinen trauert um seine tote Frau und schmiedet sich eine neue Frau aus Gold. Die goldene Braut ist aber kalt und Ilmarinen verwirft sie wieder. Darauf wirbt er erfolglos um die jüngere Tochter des Nordlands. Nach seiner Heimkehr erzählt er Väinämöinen über den Wohlstand, den der Sampo den Menschen im Nordland verschafft.


Dritter Väinämöinen-Zyklus

39. bis 43. Gesang:
Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen segeln nach Nordland, um den Sampo zu rauben. Auf der Reise tötet Väinämöinen einen riesigen Hecht und baut aus seinem Kiefer eine Kantele. Mit seinem Kantelespiel schläfert er die Nordländer ein. Väinämöinen und seine Gefährten fliehen mit dem Sampo. Nachdem sie erwacht ist, verwandelt sich Louhi in einen Riesenadler und macht sich mit ihrem Heer zur Verfolgung auf. Beim Kampf zerbricht der Sampo.

44. bis 49. Gesang:
Louhi schickt Krankheiten und einen Bären nach Kalevala; sie versteckt die Sterne und raubt das Feuer. Väinämöinen und Ilmarinen erlangen die Sterne und das Feuer wieder zurück.


Marjatta-Zyklus
50. Gesang:
In einer Abwandlung des Neuen Testaments wird geschildert, wie Marjatta (Maria) von einer Preiselbeere schwanger wird. Väinämöinen verurteilt das vaterlose Kind zum Tode, aber das Kind setzt sich gegen Väinämöinen durch und wird zum König von Karelien. Väinämöinen reist mit seinem Boot ab. Das Epos endet mit den Schlussworten des Dichters.


Sprache und Stil

Versmaß
Das in der Kalevala verwendete Versmaß fand bei allen Arten der finnischen Volksdichtung sowie bei Sprichwörtern u. Ä. Verwendung. Heute wird es gemeinhin als Kalevala-Versmaß bezeichnet. Ähnliche Versmaße findet man bei den Esten und anderen ostseefinnischen Völkern. Man geht davon aus, dass es über 2000 Jahre alt ist. Seit Veröffentlichung der Kalevala kommt bis heute das Kalevala-Versmaß auch in der finnischen Kunstdichtung zum Einsatz.

Das Kalevala-Versmaß unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von den Versmaßen der indogermanischen Sprachen. Es handelt sich um einen trochäischen Tetrameter, d.h. jeder Vers besteht aus vier Trochäi, also insgesamt acht Silben. Dabei wird ein Trochäus als Abfolge von Hebung und Senkung aufgefasst. Die Grundregel des Kalevala-Versmaßes besagt Folgendes:

Die Anfangssilbe eines Wortes muss lang sein, wenn sie in der Hebung eines Versfußes steht. Im Beispielvers sind die betreffenden Silben fett gesetzt:
Vaka / vanha / Väinämöinen
In der Senkung muss die Anfangssilbe eines Wortes kurz sein.
tietä/jä i/än i/kuinen
Dazu kommen noch vier Zusatzregeln:

Im ersten Versfuß ist die Länge der Silben frei. Er kann auch manchmal (in rund 3% der Verse der Kalevala) aus drei oder selten sogar vier Silben bestehen.
Ein einsilbiges Wort darf nicht am Ende eines Verses vorkommen.
Ein viersilbiges Wort darf nicht in der Mitte eines Verses stehen. (Gilt nicht für zusammengesetzte Wörter.)
Die letzte Silbe eines Verses darf keinen langen Vokal enthalten.
Die Verse teilt man in „normale“ Verse, in denen die Wortbetonungen (die im Finnischen stets auf der Anfangssilbe eines Wortes liegen) und Vershebungen zusammenfallen, und „gebrochene“ Verse, bei denen mindestens eine betonte Silbe in einer Senkung steht. Etwa die Hälfte der Kalevala-Verse sind gebrochen. Dieser Kontrapunkt zwischen Wort- und Versrhythmus ist charakteristisch für das Kalevala-Versmaß. Normale Verse weisen eine Mittelzäsur auf. Lange Wörter tendieren dazu, am Ende des Verses zu stehen.

Bei der Übertragung der Kalevala ins Deutsche oder andere Akzentsprachen wird das auf Längen und Kürzen beruhende System durch ein akzentuirendes Versmaß ersetzt. Dabei besteht ein Trochäus aus einer Folge von einer betonten und einer unbetonten Silbe (Beispiel: Väinä/möinen / alt und / weise[1]).


Stilmittel

Die beiden wichtigsten Stilmittel der Kalevala sind Alliteration (Stabreim) und Parallelismus. Beide entstanden aus der Notwendigkeit, die mündlich übermittelte Dichtung leicht errinnerbar zu machen.

Alliteration bedeutet, dass zwei oder mehr Wörter eines Verses mit demselben Laut anfangen (Beispiel Vaka vanha Väinämöinen „Väinämöinen alt und weise“[1]). Man unterscheidet „schwache“ Alliteration, bei der zwei Wörter mit demselben Konsonanten oder beide mit einem Vokal anlauten, und „starke“ Alliteration, bei der zwei Wörter mit derselben Folge von Konsonant und Vokal oder mit demselben Vokal beginnen. Dieses Stilmittel kommt in der Kalevala äußerst oft vor: über die Hälfe der Verse weist eine starke, rund ein Fünftel eine schwache Alliteration auf. Reime gibt es dagegen nicht.

Der Parallelismus kann in verschiedenen Formen auftreten. Meist wird der Inhalt eines vorangegangenen Verses im Nachvers mit anderen Worten wiederholt. Dabei hat jedes Wort im Nachvers eine Entsprechung im vorangehenden Vers. Diese Entsprechung kann synonym (Lähe miekan mittelöhön, / käypä kalvan katselohon „Lass die Schwerter uns beschauen, / lass uns jetzt die Klingen messen“[1]), analog (Kulki kuusisna hakona, / petäjäisnä pehkiönä „Wandert wie ein Zweig der Fichte, / treibt wie dürres Reis der Tanne“[1]) oder auch antithetisch (Siitä läksi, ei totellut „Gehet dennoch, nichts beachtend“[1]) sein. Der Parallelismus kann auch innerhalb eines Verses vorkommen, teils umfasst er aber auch längere, nach demselben Schema aufgebaute Passagen. In der Kalevala kommt der Parallelismus in noch größerem Maße zum Einsatz als in der Volksdichtung, was wohl mit Elias Lönnrots Wunsch zusammenhängt, einen möglichst großen Teil des von ihm gesammelten Materials zu verwerten.


Textbeispiel
Anfangsverse der Kalevala (1:1-9)[1]

Mieleni minun tekevi,

aivoni ajattelevi

lähteäni laulamahan,

saa'ani sanelemahan,

sukuvirttä suoltamahan,

lajivirttä laulamahan.

Sanat suussani sulavat,

puhe'et putoelevat,

kielelleni kerkiävät.

Werde von der Lust getrieben,

von dem Sinne aufgefordert,

dass ans Singen ich mich mache,

dass ich an das Sprechen gehe,

dass des Stammes Lied ich singe,

jenen Sang, den hergebrachten.

Worte schmelzen mir im Munde,

es entschlüpfen mir die Töne,

wollen meiner Zung' enteilen.

Werkgeschichte
Die Kalevala geht auf die uralte mündlich tradierte finnische Volksdichtung zurück. Die Zusammenstellung der Lieder zu einem zusammenhängenden Epos stammt jedoch aus dem 19. Jahrhundert und ist ein Kunstprodukt von Elias Lönnrot. Lönnrot selbst war davon überzeugt, dass die vielen Einzellieder, die er auf seinen Reisen in Karelien aufgezeichnet hatte, einst einen zusammenhängenden Mythenstoff gebildet hatten. Er fügte die von ihm gesammelten Lieder zusammen und veränderte teilweise die Zusammenhänge, um sie zu einer logischen Handlung zu verknüpfen. 33% Verse der Kalevala sind wörtlich aus den gesammelten Aufzeichnungen übernommen, 50% sind geringfügig von Lönnrot bearbeitet, 14% der Verse schrieb er selbst analog zu vorhandenen Versen und 3% erfand er frei.


Finnische Volksdichtung

Runensänger in Uhtua, 1894Die gemeinsame Tradition der mündlich überlieferten Volksdichtung findet sich im gesamten ostseefinnischen Sprachraum, also in Finnland, Karelien, Estland und dem Ingermanland. Man geht davon aus, dass diese Art der Dichtung bereits vor 2500 bis 3000 Jahren entstand. Die „Runen“ (finnisch runo) genannten Lieder wurden nach bestimmten, recht einfachen Melodien gesungen, teilweise begleitet von einer Kantele. In Gegenden, in denen die Tradition der Volksdichtung noch lebendig war, kannte die Mehrzahl der Menschen zumindest einige Lieder. Daneben gab es wandernde Runensänger, die ein großes Repertoire an Runen auswendig vortragen konnten.

Die Volksdichtung war bis ins 16. Jahrhundert in ganz Finnland verbreitet. Nach der Reformation verbot die lutherische Kirche die „heidnischen“ Runen und die Tradition versiegte nach und nach in West- und Mittelfinnland. Im orthodoxen, zu Russland gehörigen Ostkarelien konnte sich die Volksdichtung länger halten. Die Tradition blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert lebendig, heute gibt es nur noch wenige alte Menschen, die die alten Lieder beherrschen.


Vuokkiniemi, eines der von Lönnrot besuchten Dörfer, im Jahr 2005Die finnische Volksdichtung wird in drei Hauptzweige eingeteilt: Epik, Lyrik und Beschwörungen. Die Epik umfasst unterschiedlich alte Schichten. Die älteste Schicht sind mythische Runen, die etwa die Schöpfung der Erde behandeln. Entstehungsmythen wie die Entstehung des Eisens haben ihren Ursprung im Schamanismus der vorchristlichen Periode, d.h. der Zeit vor dem 12. Jahrhundert. Während des Mittelalters entstand die Heldendichtung und Balladen sowie - nach der Bekehrung der Finnen - Legenden mit christlicher Thematik. In späterer Zeit handelten die Epen über historische Ereignisse wie den Mord am Bischof Heinrich von Uppsala oder die Kriege zwischen dem Schwedischen Reich und Russland. Zur Lyrik gehören Runen zu besonderen Anlässen (z.B. Hochzeit, Erlegung eines Bären), Lieder, die im Alltag (z.B. bei der Feldarbeit) gesungen wurden, Liebeslyrik und Elegien. Die Beschwörungslieder stammen aus der vorchristlichen Magie. Durch Zaubersprüche versuchte man etwa die Heilung von Krankheiten oder Jagdglück zu beschwören. Die Handlung der Kalevala beruht auf einer Zusammenstellung verschiedener epischer Themen, daneben sind an passenden Stellen lyrische oder magische Runen eingearbeitet.


Entstehung des Epos

Titelblatt der Kalevala-ErstausgabeBereits im 17. Jahrhundert waren vereinzelte Lieder aufgezeichnet worden, aber ein wirkliches wissenschaftliches Interesse an der finnischen Volksdichtung entstand erst Ende des 18. Jahrhunderts. Unter anderem Henrik Gabriel Porthan, der bedeutendste finnische Humanist seiner Zeit, zeichnete Volkslieder auf und veröffentlichte 1776-1778 das Werk De Poësi Fennica („Über die finnische Dichtung“). Den Gedanken, aus den aufgezeichneten Runen ein Epos nach dem Vorbild der Ilias und Odyssee oder dem Nibelungenlied zu schaffen, formulierte 1817 als erster der Fennomane Carl Axel Gottlund. Diese Erfüllung dieser Aufgabe sollte schließlich dem Philologen und Arzt Elias Lönnrot zukommen. Zwischen den Jahren 1828 und 1844 unternahm er insgesamt elf Reisen hauptsächlich nach Karelien um Quellenmaterial zu sammeln. Dabei zeichnete er große Mengen an Material von Runensängern wie Arhippa Perttunen auf. Die Dörfer, die Lönnrot besuchte, (u.a. das 1963 in Kalevala umbenannte Uhtua, Vuokkiniemi, Latvajärvi) gehörten damals wie heute zu Russland.

1834 veröffentlichte Lönnrot anhand des von ihm gesammelten Materials das aus 5052 Versen bestehende Runokokous Väinämöisestä („Runensammlung über Väinämöinen“), eine Art „Proto-Kalevala“. Es markiert einen Wendepunkt in Lönnrots Werk. Während er sich zuvor wissenschaftlich-textkritisch mit dem Material auseinandergesetzt hatte, stand nun erstmals die künstlerische Intention im Vordergrund. 1835-1836 veröffentlichte Elias Lönnrot die sogenannte „Alte Kalevala“, die 32 Runen mit 12.078 Versen umfasste. Die durch zahlreiches Material ergänzte, mit 50 Runen und 22.795 Versen fast doppelt so lange „Neue Kalevala“ erschien im Jahre 1849 und gilt heute als Standardtext.

Als „Schwesterwerk“ der Kalevala gilt die Gedichtssammlung Kanteletar. Sie wurde 1840 von Elias Lönnrot auf Grundlage desselben Quellenmaterials, aus dem er auch die Kalevala zusammengestellt hatte, veröffentlicht.


Ausgaben
Die erste Version von Lönnrots Kalevala erschien 1835-1836 in zwei Bänden unter dem Titel Kalewala, taikka Wanhoja Karjalan Runoja Suomen kansan muinoisista ajoista („Kalevala, oder alte Runen Kareliens über altertümliche Zeiten des finnischen Volkes“). Als „Geburtstag“ des Epos gilt der 28. Februar 1835, der Tag, an dem Elias Lönnrot das Vorwort des ersten Bandes unterzeichnete. Am 28. Februar wird heute in Finnland der Kalevala-Tag gefeiert. Die „neue Kalevala“ erschien 1849 mit dem schlichten Titel Kalevala. Seitdem ist die Kalevala in dutzenden verschiedenen finnischsprachigen Ausgaben erschienen. Daneben wurden zahlreiche Kurzfassungen, Versionen für den Schulunterricht, Prosa-Nacherzählungen und Adaptionen für Kinder herausgegeben. Die Kalevala ist in 51 Sprachen, darunter auch so exotische wie Plattdeutsch oder Fulani, übersetzt worden.


Bedeutung

Als nationales Symbol


Die Bedeutung, die die Kalevala für die finnische Kultur und das Nationalgefühl der Finnen gehabt hat, ist ungleich größer als bei den meisten anderen Nationalepen. Die politische Dimension der Kalevala wird teils so hoch eingeschätzt, dass behauptet wird, Finnland sei gerade durch die Kalevala zu einer selbstständige Nation geworden. Zum Erscheinungszeitpunkt der Kalevala war in Finnland, angefacht durch die in Europa aufgekommene Idee des Nationalismus, eine neue finnische Identität im Entstehen. Die Kalevala trug maßgeblich zu deren Entwicklung bei. Eine eigenständige finnische Kultur hatte es bis dahin nicht gegeben, doch mit der Existenz eines Nationalepos im Range von Edda, Nibelungenlied oder Ilias sahen sich die Finnen in die Schar der Kulturvölker aufgenommen. Bestärkt wurde diese Ansicht durch die Aufmerksamkeit, die der Kalevala auch im Ausland zuteil wurde. Die finnische Nationalbewegung wollte die fehlende Geschichte des Landes ausgleichen, indem sie die Kalevala als historisches Zeugnis über die „Urzeit des finnischen Volkes“ zu interpretieren versuchte. Zugleich stärkte die Veröffentlichung der Kalevala die Rolle der finnischen Sprache, die zuvor nicht als Schriftsprache verwendet worden war. 1863 wurde sie neben dem Schwedischen als Amtssprache eingeführt. Die „nationale Erwachen“ Finnlands führte schließlich 1917 zur Unabhängigkeit von Russland.


Im heutigen Finnland
Bis heute ist der Einfluss der Kalevala im finnischen Gesellschaftsleben spürbar. Bekannte Abschnitte der Kalevala werden oft zitiert; so kann eine schwere Aufgabe in Anspielung auf die Taten des Ilmarinen als „Pflügen des Schlangenackers“ bezeichnet werden. Vornamen wie Väinö, Ilmari, Tapio oder Aino gehen auf die Charaktere des Epos zurück. Zahlreiche Unternehmen haben Namen mit einem Bezug zur Kalevala-Thematik gewählt: zu den größten Firmen Finnlands gehören die Bank Sampo und das Versicherungsunternehmen Pohjola. Die Firma Kalevala Koru, einer der bekanntesten Schmuckhersteller Finnlands, verdankt Namen und Existenz dem Epos; mit dem Erlös eines Vereines der „Kalevala-Frauen“, aus dem der Schmuckhersteller hervorging, sollte ein Denkmal für die in der Kalevala erwähnten Frauen finanziert werden. Neubaugebiete wie Kaleva in Tampere oder Tapiola in Espoo wurden nach Begriffen aus der Kalevala benannt.


Rezeption
Die Kalevala hat die finnische Kultur in nicht zu unterschätzender Weise geprägt und wurde zur Inspiration für zahlreiche Künstler. Dass die wichtigsten Werke zur Kalevala erst Ende des 19. Jahrhunderts, also viele Jahrzehnte nach erscheinen des Epos, entstanden, hängt damit zusammen, dass die Kunst in Finnland zu Zeiten Lönnrots noch in den Kinderschuhen steckte. Die zwei Jahrzehnte zwischen 1890 und 1910 gelten als „goldenes Zeitalter“ der finnischen Kunst. Während dieser Zeit entstand die als Karelianismus bekannte Begeisterung für die Kalevala und ihren Ursprungsort Karelien. Fast alle bedeutenden finnischen Künstler dieser Epoche unternahmen Reisen nach Karelien und ließen sich von der Kalevala inspirieren.


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#3

RE: Finnland

in Nationalepen 12.07.2006 19:59
von mande (gelöscht)
avatar

Liebe Bettina,
zu dem Textbeispiel. Es gibt auch diese übersetzung:
Textbeispiel
Anfangsverse der Kalevala (1:1-9)[1]

Mieleni minun tekevi,

aivoni ajattelevi

lähteäni laulamahan,

saa'ani sanelemahan,

sukuvirttä suoltamahan,

lajivirttä laulamahan.

Sanat suussani sulavat,

puhe'et putoelevat,

kielelleni kerkiävät.

Werde von der Lust getrieben,

von dem Sinne aufgefordert,

dass ans Singen ich mich mache,

dass ich an das Sprechen gehe,

dass des Stammes Lied ich singe,

jenen Sang, den hergebrachten.

Worte schmelzen mir im Munde,

es entschlüpfen mir die Töne,

wollen meiner Zung' enteilen.


Die andere Übersetzung:

Mich verlangt in meinem Sinne,
mich bewegen die Gedanken,
An das Singen mich zu machen,
mich zum Sprechen anzuschicken,
Stammesweise anzustimmen,
Sippensang nun anzuheben.
Worte schmelzen mir im Munde,
Es entstürzen mir die Mären,
Eilen zu auf meine Zunge...

Diese Übersetzung ist von Lore und Hans Fromm. Vielleicht die beste von so vielen anderen.

Mit freundlichen Grüssen,
Mande:blumeblueht:

[ Editiert von mande am 13.07.06 11:12 ]

[ Editiert von mande am 14.07.06 18:43 ]


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