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RE: Mullah Nasreddin • Absender: Aramesh, 14.12.2006 13:48

Diese Geschichten von Mullah Nasreddin sind im ganzen Orient bekannt. Er verkörpert den dortigen Till Eulenspiegel. Es gibt kaum jemanden im Nahen Osten, der ihn nicht kennt. Aber zu 1001 Nacht gehören seine Geschichten auch nicht. Hier eine, die ich besonders gern mag:

Die guten Rechner

Der Mullah Nasreddin Hodscha kam auf seinen Reisen auch in ein Dorf, das dafür bekannt war, dass seine Einwohner besonders gut im Rechnen waren. Nasreddin fand Quartier bei einem Bauern. Am nächsten Morgen stellte Nasreddin fest, dass in dem Dorf kein Brunnen war. Am Morgen wurden in jedem Haus ein oder zwei Esel mit Wasserkrügen bepackt, und dann zog man los zu einem eine Stunde entfernten Bach, füllte die Krüge und brachte sie wieder zurück, was noch einmal eine Stunde dauerte.

"Wäre es nicht besser, wenn man das Wasser im Dorf hätte?" fragte der Hodscha den Bauern, bei dem er wohnte.

"Oh, viel besser", sagte der Bauer. "Das Wasser kostet mich jeden Tag zwei Arbeitsstunden mit einem Esel und einem Junge, der den Esel treibt. Das macht im Jahr 1460 Stunden, wenn man einen Esel mit einem Jungen gleichsetzt. Wenn der Esel und der Junge in dieser Zeit auf den Feldern arbeiten würden, könnte ich zum Beispiel ein ganzes Kürbisfeld mehr bestellen und jedes Jahr 457 Kürbisse zusätzlich ernten."

"Ich sehe, du hast alles gut ausgerechnet", sagte bewundernd der Hodscha. "Warum also nicht einen Graben anlegen, um das Wasser bis ins Dorf zu leiten?"

"Das ist nicht so einfach", sagte der Bauer. "Es ist ein Hügel dazwischen, den man abtragen müsste. Wenn ich meinen Jungen und den Esel, statt sie um Wasser zu schicken, einen Graben anlegen ließe, würden sie, wenn sie täglich 2 Stunden arbeiten, 500 Jahre brauchen. Ich lebe aber vielleicht nur noch 30 Jahre, also ist es für mich billiger, ich lasse sie Wasser holen."

"Ja, aber müsstest du denn alleine für den Kanal aufkommen? Ihr seid doch mehr Familien in eurem Dorf?"

"Oh ja", sagte der Bauer, "wir sind genau 100 Familien. Wenn jede Familie täglich für zwei Stunden einen Jungen und einen Esel schicken würde, dann wäre der Kanal in fünf Jahren fertig. Und wenn sie täglich 10 Stunden arbeiten würden, dann in einem Jahr."

"Warum sprichst du dann nicht mit deinen Nachbarn und schlägst ihnen vor, gemeinsam einen Kanal zu graben?"

"Nun, wenn ich mit einem Nachbarn eine wichtige Sache zu besprechen habe, so lade ich ihn in mein Haus ein, bewirte ihn mit Tee und Halva, spreche mit ihm über das Wetter und die Aussichten für die kommende Ernte, dann über seine Familie, über die Söhne, Töchter, und Enkel. Dann lasse ich ihm ein Essen servieren, nach dem Essen wieder Tee, dann fragt er mich nach meinem Hof und nach meiner Familie, und dann kommen wir schön langsam zur Sache. Das dauert einen ganzen Tag. Da wir in unserem Dorf 100 Familien sind, müsste ich mit 99 Familienoberhäuptern sprechen. Du wirst zugeben, dass ich nicht 99 Tage hintereinander mit solchen Gesprächen zubringen kann, da würde mein Hof zugrunde gehen. Ich könnte höchstens einmal in der Woche einen Nachbarn zu mir einladen. Das heißt, da das Jahr nur 52 Wochen hat, würde es fast zwei Jahre dauern, bis ich mit allen Nachbarn gesprochen habe. Wie ich meine Nachbarn kenne, würde schließlich jeder zustimmen, dass es besser wäre, das Wasser im Dorf zu haben, denn sie können alle gut rechnen. Und wie ich sie kenne, würde jeder von ihnen versprechen, mitzumachen, wenn auch die anderen mitmachen. Also müsste ich nach zwei Jahren wieder von vorne beginnen, alle meine Nachbarn einzuladen, und ihnen sagen, dass auch die anderen bereit wären, mitzumachen."

"Gut", sagte der Hodscha, "aber nach vier Jahren wäret ihr dann doch so weit, mit der Arbeit zu beginnen. Und nach einem weiteren Jahr wäre sie fertiggestellt!"

"Es kommt noch eine Schwierigkeit hinzu", sagte der Bauer. "Du wirst zugeben, wenn der Kanal einmal gegraben ist, wird jeder von dort Wasser holen können, egal, ob er sich an den Arbeiten beteiligt hat oder nicht."

"Das ist richtig", sagte der Hodscha. "Selbst wenn man es wollte, könnte man den Kanal nicht in seiner ganzen Länge bewachen."

"Eben", sagte der Bauer. "Also hätte jemand, der sich vor der Teilnahme an der Arbeit drückt, denselben Nutzen wie alle anderen, aber ohne die Kosten."

"Das gebe ich zu", sagte der Hodscha.

"Also wird doch jeder von uns, der rechnen kann, versuchen, sich zu drücken. Einmal wird der Esel lahm sein, einmal wird der Junge an Husten leiden, einmal wird die Frau krank sein und man wird Jungen und Esel brauchen, um den Arzt zu holen. Nun kann aber jeder von uns rechnen, also wird jeder von uns sich zu drücken versuchen. Und weil jeder von uns weiß, dass die anderen sich drücken werden, wird erst gar keiner seinen Esel und seinen Jungen zur Arbeit schicken. Also wird der Graben nicht einmal begonnen werden."

"Ich muss zugeben, dass deine Überlegungen sehr einleuchtend klingen, sagte der Hodscha. Er grübelte eine Weile, doch dann rief er plötzlich aus: "Ich kenne aber ein Dorf auf der anderen Seite des Gebirges, das genau das gleiche Problem hatte wie Ihr. Die haben aber schon seit zwanzig Jahren einen Graben."

"Ja", sagte der Bauer, "die können aber auch nicht rechnen!"

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