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RE: Nr.47 von dem Machandelboom • Absender: Gemini, 25.05.2007 08:00

Ich habe hier eine interessante Homepage, die diesem Märchen gewidmet wurde. Da dummerweise solche hochinteressanten Seiten immer wieder aus dem Netz verschwinden, kopiere ich Euch das Wissenswerte heraus, die ganze Seite findet man:


http://machandelboom.de.ki/


Von dem Machandelboom

von Hans Zimmermann , Görlitz 2002
Mandel-Machandel-Wacholder-wachend
die "schoqed"-Homonymie in Jeremias1,11 f


Sind Märchen gesunkenes Kulturgut, Erzählungen, die von der literarischen Ebene der Novellenautoren, Epensänger und Traditionsschriftgelehrten abgesunken sind auf das mündliche Niveau von Ammen, die ihre Milchkinder und Zöglinge unterhalten, trösten und in den Schlaf singen wollen? Natürlich sind sie das: Wenn die klugen Stoffe absinken, werden sie ins Naive versenkt; und wenn sie ins Naive versenkt werden, dann versenkt sich das kulturtragende und kulturgetragene Gemüt in die Reinheit und Schlichtheit, die mit der Symmetrie der geschlossenen Erzählung und der Knappheit ihrer Sprache nur noch den Weisheitskern übrigbehält, alles Überflüssige abstreift, die Reflexionsschnörkel des Gebildeten und das Gelächter des Eingebildeten vergißt und in die Ehrlichkeit des Tiefschlafes heimkehrt. So tief kann diese "Versenkung" sein, daß sie die Geheimnisse der Neugeburt des Lebens aus dem Tod auslotet: Frau Holle beherrscht das Totenreich, sie ist die alte Hêl der Unterwelt, wo die Brote des irdischen Lebens aus dem Ofen geholt werden und die Früchte des Erdenwandels vom Baum geschüttelt werden müssen; oder: Schneewittchen erleidet die tödlichen Folgen des Genusses der Frucht vom Baum der Erkenntnis; und: Aschenputtel ist die wahre Braut in der königlichen Hochzeit des "Sohnes": "Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes gerufen sind" (Apokalypse 19,9).
"Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen gründetest du Macht" (Psalm 8,3) – Wenn Märchen "für Kinder" bestimmt sind, für deren seelisches Abendmahl und für ihren von Frieden gesättigten Schlaf, so richten sie sich doch wohl überhaupt an das "Kind im Manne", in jedem Menschen, nähren es in Schlafenstiefen, wecken dort sein verborgenes Wesen, seine unbekannte, embryonal verhüllte Zu-Kunft.
Im Grunde, im tiefsten "Versenkungs"-Grund, im innigst hingegebenen Herzensgrund der menschlichen Seele weckt sich dieses Kind aber selbst: Als der "Sohn" verkündet es selbst sein Evangelium, singt sein biographisches Lied und erleuchtet, begeistert, erfüllt wie ein flammender Vogel in übersinnlicher Schönheit den ganzen Menschen von innen her. So in diesem Märchen:

Die für ein Märchen ungewöhnliche (er-zählend aktualisierte) Zeitangabe weist zurück auf den Beginn des Christentums, auf Inkarnation, Tod und Auferstehung des "Sohnes".
Lange Kinderlosigkeit als innerseelisch-mystische Entsagungsphase, schließlich Verheißung und Geburt des heiligen Sohnes: vor allem beim Vater aller "Glaubenden" (Römerbrief 4,16) Abraham, Genesis 15,1-6; 16,7-16 (Ismael); 17,19; 18,10 ff; dann bei den Eltern der drei großen "Nazoraioi" (gemäß Numeri 6) Samson ("Schimschon" von "schamasch" – "Sonne", Richter 13), Samuel (1.Samuel 1) und Johannes (Lukas 1,5 ff).
Der Erkenntnisbaum wird im Abendland in der Regel als "Apfelbaum" imaginiert (im Orient als Feigenbaum); hier nun der heilige Wacholder der Germanen mit seiner Würze, Würde und Heilkraft, gemäß der Differenzierung von Erkenntnisbaum und Lebensbaum: Die "Äpfel" vom Baum der Erkenntnis fallen aber offenbar nicht weit von dessen (Lebensbaum-) Stamm; "bêde: wurzeln unde rîs" des Paradieses: so erscheint der Grâl bei Wolfram.

Mit der Verletzung der Frau beim Schälen der Erkenntnisfrucht und ihrem Wunschseufzer – vgl. Parzival 282,20 ff: die "drei Blutstropfen im Schnee"; natürlich auch den Anfang von "Schneewittchen" – beginnt eine neunfach gestufte Sündenfall- (Erkenntnis-) und Lebens-Entwicklung, in der Empfindungswelt und Schwangerschaft so ineinandergreifen, wie die Singular-Rede der Genesis vom Baum "in der Mitte des Gartens" es voraussetzt.
Vom Winter bis zum Herbst entwickelt sich demzufolge mit dem Baum die Leibesfrucht der Baumbetrachterin – die mit dem Baum aufblühende, mitreifende, genossene Erkenntnis, bêde: wurzeln unde rîs, der Logos-Sprößling, der "kleine Sohn" – wie auch die Hingabe der Frau (Ischah), die alle Gefühlsfarben durchwandelt. Diese drei Zopfstränge sind in den Monatsschritten des Jahreskreislaufs empfindsam sympathetisch ineinander verflochten – geradezu als imaginative Ausgestaltung der Sündenfallstelle in Genesis 3, wo die "Ischah" eher durch den Baum selbst als durch die Klugheit der Schlange zum Fruchtgenuß der Erkenntnis verführt wird:
"Und es sah die Frau (Ischah),
daß gut der Baum zu essen,
und daß eine Lust er den Augen,
und anreizend der Baum, aufzuwachen,
und sie nahm von seiner Frucht
und sie aß."

Es ist der Sündenfall, in aller Unschuld und Ursprünglichkeit des begeisterten Empfindens, in aller Heiligkeit der dadurch zur Geburt gebrachten Erkenntnis: So ist der Tod der frommen "Frau", der "Lebensmutter" (Chawwah), die notwendige Folge. Erkennen, Gedankengebären ist ein fortwährendes Sterben im Genuß der Bewußtseinsfrucht: Die Wachheit, die Ichbewußtheit löst das Individuum aus der natura naturans, der pflanzlichen Schlafenstiefe und dem tierischen Traumgewoge heraus, objektiviert die Natur vor dem subjektiven Blick, tötet sie zu Dingen ab und bewegt sich zugleich in der Transparenz der Gedankensubstanz, im lichten Totenreich des Begriffs. Hier schon wird der "Sohn" aus dem Tod hervorgeboren, aber in der unschuldig-schuldig "sündenfälligen", der Geburt des Kindes opfernd hingegebenen Freude der "Frau" ist seine Geburt doch eine reine Lebens-Geburt. Er ist der "Geborene" schlechthin, der "kleine Sohn", ansonsten namenlos.

Er ist das innerste, innigste Aufkeimen der Erkenntnis in einer sich aufopfernd hingebenden Seele, zutiefst intim, kaum nennbar, dem Verstand und der abgestorbenen Seelennatur, der "zweiten Frau" des Vaters, kaum erkennbar: der im Menschen, in der Verantwortungswurzel des Ich keimhaft angelegte geistige Mensch, der "noch nicht erschienen ist", der wir "einst sein werden" (1.Johannesbrief 3,2), Christus in uns – hier noch als "Jesus patiblis" (Gottesknecht gemäß Jesaja 53,7). Und dieses verkannte, in Namenlosigkeit verborgene, vom unruhig verzettelten Sinnenmenschen hin- und hergeschubste "arme Kind" wird nun durch die abstrakten Kopf-Lehren der "Schule", deren Wissensvermittlung nicht zum Herzen dringt – "geköpft". Denn die Passion des "Sohnes" gipfelt in der "Schädelstätte".
Das sarkastisch-knapp geschilderte Köpfen des "kleinen Jungen" erfolgt nicht in der Schule selbst, wohl aber in der Verarbeitung der Kenntnisse nach der Heimkehr, in der Falle (skandalon): beim trügerischen Angebot, die Frucht – hier natürlich "Apfel" – der Erkenntnis zu verzehren. Als deren Arsenal dient die Kiste mit dem "scharfen eisernen Schloß" – einerseits die Verschlossenheit der unvermittelten sinnlichen Erkenntnis-"Stücke" im Gedächtnis, andererseits die abstrahierende Schlußfähigkeit in der juristisch-definitorisch zugeschärften Unterscheidung der Begriffe.
Die Köpfung des "Sohnes" wird dann mit schönem Schein, mit Kunst, mit einem kostbaren Tuch "aus dem oberen Schubfach" der Truhe der Stiefmutter oberflächlich kaschiert; die innerleiblichen Lebensprozesse (unten in der "Küche", in der Stoffwechsel-Chemiestube des Hauses) setzen sich fort (Umrühren des heißen Wassers) und bereiten die weitere Verarbeitung und den innerleiblichen Verzehr des Geopferten vor (in der Alchemie von Herdfeuer, Wassertopf – gegen Exodus 12,9!, aber die "richtige" Verwandlung durch Feuer statt Wasser folgt noch – und Tränensalz).
"Marlenchen", verkürzt eingedeutschte Namensform von "Maria Magdalena", ist in ihrem Verhalten hier genauso charakterisiert wie in den Evangelien: Ständig weint sie, das ist ihr Wesen, ihre Herzensbeschäftigung bereits dort: Mit Tränen wäscht sie Jesus die Füße, weinend kommt sie ihm nach dem Tode des Lazarus entgegen, weinend sucht sie am Ostermorgen den Leichnam des "Herrn" und sieht durch ihren Tränenschleier in dem Auferstandenen den "Gärtner" des Gartens.
Marlenchen muß nun hier durch ihr Ohrfeigen des getöteten Bruders als "die Sünderin" erscheinen, aber sie ist in der leibes-chemischen Arbeit der Seelenkräfte in der "Küche" Gegenpol zu der angsterfüllten, engherzigen Mutter: Diese schiebt ihr die Schuld der Gefühls-Verstandes-Trennung zu, macht sie zur "Sünderin" und versucht, ihre Tochter in die Verdrängung und in die alles kaschierende Täuschung hineinzuziehen; Marlenchen dagegen ist ganz Empfindung und Schuldbewußtsein.
Die Schlachtung des "Sohnes" durch die (Stief-) Mutter erinnert an den Rachakt der Medea bei Euripides und die götterversuchende Opferung des Pelops durch Tantalos, wohl auch die (durch ein Lamm ersetzte) des Isaak durch Abraham. Aber hier ist es eher der ins verstandesgeleitete Wachbewußtsein gefallene, abgestorbene und individuell privatisierte, verengte Geist des Menschen, in dem das Logoskind zerstückelt (1.Korinther 13,12) und zur Suppe "gekocht" wird.

Die abtötenden Auswirkungen des wachen Tagesbewußtseins auf den inneren Menschen machen eine Regeneration, eine kleine Wiedergeburt durch den Schlaf erforderlich. Es ist der leibliche Erfahrungsträger, der väterliche Erzeuger des (in Empfindungen und Gedanken zerstückelten) Geistsprößlings, der als letzter am Abend in sein Haus heimkehrt und sich nun mit dem Nachtmahl das "Seinige" wieder einverleibt: Fleisch und Blut des geopferten Sohnes – aber nicht die Knochen (vgl. Exodus 12,46 und den "Schamanen"-Psalm 22), die den dichteren Todesdurchgang durchmachen. Prototyp dieses Abend- bzw. Nachtmahls ist das "letzte Abendmahl" der Evangelien – (Mt 26,26-28; Mk 14,22-24; Lk 22,19-20) – und das "Brot"-Kapitel bei Johannes; dann auch Parzivals Gralsnächte bei Chrêtien und Wolfram, vor allem aber in Wagners Parsifal. Von der alchymisch-leiblichen Seite der regenerativen Verwandlungsprozesse her ist es die Köpfung und Umarbeitung der "Könige"in der Chymischen Hochzeit des Christian Rosencreutz, die besondere Ausgestaltungen dieses Motivs bietet. Der aus dem "Saft" der Könige erzeugte Vogel wird dort wiederum enthauptet, und sein Blut zum neuen Königspaar weiterverwandelt.

Die eigentliche Verwandlung dieses Opferlamms (vgl. das Passah-Nachtmahl gemäß Exodus 12,10) ist dann aber tiefgreifender als die Alchemie der "Küche" und der Verzehr der "Suppe", auch wenn dadurch die "Knochen" des Sohnes von der Fleisch- und Blutgebundenheit des von Empfindungen und Neigungen durchtränkten Leibes befreit und bereinigt werden. Die kostbaren Weine und Fleischspeisen, die in den Parzivâl-Epen aus dem Grâl hervorgehen, nähren die zum Nachtmahl Geladenen, aber der Grâl selbst (dem jungen Parzivâl zunächst als Lebensbaum sichtbar) erstrahlt oberhalb der Tische in einer unverzehrlichen klaren Kristallsubstanz und bildet so gewissermaßen das kaleidoskopische Zentral-Juwel, das "Mani-Padme" (Kleinod in der Lotosblüte), die unversiegliche Jungbrunnenquelle der "nicht aus dem Blut, noch aus der Wollust des Fleisches, noch aus der Wollust des Mannes, sondern aus Gott Geborenen" (Johannes 1,3). Denn um eine Neugeburt aus dem Tode geht es nun, wenngleich diese in das Abendmahl des heimgekehrten Vaters und seine nächtliche Regenerations-Alchemie zunächst eingehüllt erscheint wie der Tiefschlaf in den Traum.
Die Sünderin wandelt sich durch ihre "blutigen" Tränen zur Büßerin, die Büßerin zur Priesterin der Totensalbung und der Einbalsamierung des Leichnams (in den Evangelien wie auch hier).

Als Grabtuch dient ein Tuch aus der untersten bescheiden-intimen Schublade ihrer Kommode, Gegensatz zu dem "Halstuch"des Geköpften aus dem obersten Fach der Truhe ihrer Mutter.
Grabstätte ist das Grab der ersten Frau unter dem Wacholderbaum, in der "Lebensbaum"-Wurzel: der todestiefe "Versenkungsgrund" der bei der Geburt "an Freude" verstorbenen Mutter des "kleinen Sohnes"; er wird gewissermaßen in ihren Schoß zurückgelegt zur Wiedergeburt – "kann ein Mensch wiederum in seiner Mutter Schoß eingehen und geboren werden?" (Johannes 3,4)
Die Gleichörtlichkeit von Sündenfall, Begräbnisstätte der Ureltern (also auch Evas) und Grab des Gottessohnes, somit auch die identische Mitte von Lebensbaum, Todesdurchgang und Todesüberwindung bildet bereits in der "Schatzhöhle" die innere Achse des insgesamt menschengestaltigen Welt-Zeit-Raums. Unter dem Wacholder liegt ja die Mutter begraben, wo nun die weinende Schwester die zusammen-gesuchten Gebeine des Jungen begräbt.


Und nun wird alles ganz anders, inhaltlich, in der Weiträumigkeit des Geschehens, wie auch im Erzählton des Märchens.
Sechs Wochen sei der Junge angeblich auf Verwandtenbesuch – das ist der Zeitraum von Passion bis Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,3), die Zeit, in der die Auferstehung des Sohnes das Verstehen, die Gemütskräfte und die Sinne der Jünger "hinter verschlossenen Türen" durchdringt, wo der Auferstandene ihnen die Schrift auslegt, wo er ihnen zu Gesicht und Gehör, ja sogar zur Tastempfindung kommt, bis am Ende diese Erfülltheit von innen her das Wahrnehmen der Jünger überschreitet und der Auferstandene sich in die "Wolken des Himmels" aufzulösen scheint, aus denen er als der "Menschensohn" der Apokalypse wiederkehren soll. Zehn Tage später bricht mit Sturmbrausen, Feuerflammen und allverständlicher Redegabe der Geist in den Jüngern durch.
Wie nun erlebt der Redebegabte dieses Märchens den Auferstandenen?
Im Zweitausendjahre-Rückblick liegen nicht nur Passion und Ostern sondern auch der pfingstliche Feuer-Sprachen-Sturm des Geistes integrativ-dicht beieinander und durchdringen sich zu einem geradezu "pfingstlichen" Auferstehen: Der Sohn erscheint in der Vogelgestalt des Heiligen Geistes, aber nicht als Taube herabschwebend, auch nicht als herabsinkende Feuerflamme, sondern als Phönix feurig aufsteigend.
Der "Phönix" ist der Vogel, der sich selbst in einem Todesdurchgang ("alle 500 Jahre" sagt Pythagoras in den "Metamorphosen" des Ovid) neu erzeugt; er sammelt Weihrauch und Balsam, verbrennt mit diesen Essenzen der religiösen Hingabe und steigt in deren Duft aus den Flammen kindlich-frisch empor. In Wolframs "Parzival" heißt es vom Gral: "von des steines craft der fênîs verbrinnet, daz er ze aschen wirt: diu asche im aber leben birt."
Wacholder gibt mit den ätherischen Ölen seiner Zweige und Früchte den "Weihrauch" der Völker diesseits der Alpen; wir erinnern uns bei der Schilderung der Baumverwandlung auch an den brennenden Dornbusch Moses, in dem ihm der "Ich-bin-der-Ich-Bin" erschien.
Die ansonsten in Farbe und Form eher düster und verschlossen wirkende Säule des alten heiligen Wacholders entfaltet nun neuartig ihre Äste und Zweige, wie ein Mensch seine Arme morgendlich reckt und streckt; der Wolkenduft des Himmels geht von dem Baum aus, darin leuchtet es feuergleich auf, und dieses Erhellen des Baumes erscheint menschlich, als ein Ausdruck der Freude, und zugleich erfreulich: im sympathetischen wechselseitigen Ineinander der gestischen Baumes-"Entwicklung" und der büßenden Betrachterin, wie bereits oben bei der Schwangerschaft der "Frau" mit dem Logos-Kind. Die unter dem Baum begrabene Mutter trägt ihren Sohn erneut aus, nun nicht in den neun Vegetations-Monaten des Jahreskreises, sondern in einer einzigen Osternacht.
Der Phönix ist wunderschön und singt bezaubernd (nach dem Urteil aller,die ihn nun hören); seine Farben sind Rot (wie Blut), Grün (wie die frische Frühlingsnatur) und Gold (entsprechend der Himmelfahrt, die diesen österlichen Vogel bereits verklärt, vergleiche das Auferstehungsbild des Isenheimer Altars): ein Astralwesen mit Sternen-Augen; hinter ihm leuchtet blendend hell die Sonne auf (s. Psalm 19,6 und Markus 16,2).
Die Handlung wird nun mit dem Phönix fortgeführt: Er ist nicht mehr bloßes Opferobjekt der geistigen, seelischen und innerleiblichen Kräfte um ihn, die ihn "herumschubsten", verarbeiteten und verzehrten, sondern ichhafter Handlungsträger, lebendige Handlungsquelle, tätiges Subjekt in freier Entfaltung seiner Schwingen. Darin ist der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der Auferstehung von den Toten zu finden: Stehen hinter den Dingen Vorgänge und hinter Vorgängen tätige Kräfte, so ist die Handlungssubstanz der tätigen Kräfte hinter den chemisch-biologischen Lebensvorgängen und deren zu Dingen abgestorbenen Außenaspekten die eigentliche Wirklichkeit jener dinglichen, zuständlichen und bewegten Erscheinungen. Tätigkeit läßt den Geist durchbrechen, der in Dinglichkeit, Zuständlichkeit und passiven Bewegungen verborgen liegt; denn er ist die Quelle aller aktiver Bewegungen und konkretisiert sich in der Handlungsverantwortung des freien Willens, des schöpferischen Ich.
Und dieser Phönix singt nun immer wieder sein Evangelium von der Verwandlung, in der er eben besteht, seine "Lebensschrift"-Chiffre ("Biographie"): Sieben Verse, in denen Opfer, Abendmahl und Begräbnis Erinnerungen des vom Tode erweckten "Vogels" sind, der nun staunend seine Schönheit verkündet.
In drei Phasen stuft sich dann die Entwicklung des tätigen Menschen, des "homo faber", die geschichtlich-gesellschaftliche Arbeits-Ordnung bis zum Erzähler des Märchens hin, der gemäß den Einleitungsworten auf die fast zweitausend Jahre der christlichen Ära zurückblickt:
Zuerst setzt der Vogel sich auf das Dach eines Goldschmieds. In der goldenen Kette, die er sich mit seinem Gesang erkauft, konzentriert und symbolisiert sich die alte, würdevolle Weisheit, an der (gemäß Homer, Ilias 8,19) die Erde vom Himmel (ab-)hängt; die Kette, deren Ringe der Schmied gerade mit seiner Zange zusammengeschlossen hat, bringt die Vermittlungs-, Traditions- und Schlußketten der Kultur-Selbstverständigung ins Bild.
Dann auf das Dach eines Schusters, der mehr die Gefühls- und Gemütslebendigkeit des Menschen darstellt; vor der blendenden Sonne über dem Dach muß er sich mit der Hand schützen, er verträgt das Erkenntnislicht nicht unmittelbar, aber er holt in seiner Begeisterung gleich seine ganze Familie und seine Mitarbeiter "aus dem Häuschen", damit sie den schönen Vogel mit ihm bestaunen. Bei ihm tauscht der Phönix ein Paar roter Schuhe für seine Gesangswiederholung ein.

Zum dritten fliegt der Vogel zu einer Manufaktur, in der zwanzig junge "Müller" einen Stein behauen, widerständige Willenskraft nach der edlen Weisheit des alten Goldschmieds und dem Gefühlsüberschwang des familiären Schusters. Das Evangelium des Vogels dringt nur schrittweise durch deren eigene Arbeitsrhythmik und Anstrengung hindurch. Nach dem einen Goldschmied und dem Familienbetrieb des Schusters nun die große Manufaktur-Belegschaft, in der alle mit anpacken müssen, um den für das Lied eingehandelten Mühlstein auf den Hals des Vogels zu hieven.

und die Sonne schien so hell auf die Straße

Die Tätigkeits-Substanzialität des feuergeborenen Geistwesens hat in der arbeitenden Ausgestaltung der Materien, Stoffe und Widerstände ihre Entsprechung gefunden: Der "Sohn" wirkt in der Arbeit der Menschen. Die Tätigkeiten des Goldschmieds, des Schusters und der Steine behauenden Müllerburschen repräsentieren zugleich Denken, Fühlen und Wollen in der Erarbeitung von leiblich konzentrierter Erfahrungs-Weisheit, seelenbewegender Freude und geistig initiierter Widerstandbewältigung.
Goldkette, Tanzschuhe und Mühlstein hat der Sänger mit dem jeweils zweiten Vorsingen seines Liedes "bezahlt", Leistung gegen Leistung, Werk für Werk, Wert für Wert, aber ohne krämerische Enge: Zur Erweckung gab es zuvor immer eine Strophe gratis: Gnade kommt vor Werklohn; aber die von den Arbeitern, die durch die Gnadenstrophe aufgeweckt worden sind, bewußt geforderte Wiederholungs-Leistung des Sängers ist ihres Lohnes wert: Die erweckten Zuhörer opfern ihr Werkstück dem Vogel, der sie an die innermenschlichen Leibes-, Seelen- und Geisteskräfte, die in dem Vater, Marlenchen und der zweiten Frau personifiziert sind, weiterreicht.
Denn nun folgt mit dem jüngsten Gericht, mit der Ernte und Scheidung der Lebensfrüchte, mit der großen "Krisis" des Endes die apokalyptische Wiederkehr des Menschensohnes:
Vom weiten Ausflug kehrt der Phönix nach Hause zurück, zu den im Haus beieinander sitzenden Repräsentanten der am Menschen wirkenden Kräfte, die sich nun im "jüngsten Gericht" scheiden müssen. Das Lied des Vogels lockt sie hervor wie zuvor die Handwerker aus ihren Werkstätten, und sie bekommen die Gaben, die sich der auferstandene Seelenvogel mit seinem "Evangelium" ersungen hat, zum Lohn ihres Wirkens an der Neugeburt des geistigen Menschen:
Der Vater, leiblicher Erfahrungsträger, nun auch am hellen Tage "bei sich" zuhause, bekommt die goldene Weisheitskette, Marlenchen erfreut sich des Paares roter Tanzschuhe, der Frau, die schon mit dem ersten Wetterleuchten dieses "Advents"die Enge nicht mehr erträgt, die im Kontrapunkt zu dem Verwundern und der Freude des Vaters und Marlenchens von Angst überwältigt wird, zusammenbricht und in Entsetzen auflodert, wird der Mühlstein übergeworfen, denn: "Wer einem dieser Kleinen, die an mich glauben, eine Falle (skandalon) stellt, dem wäre besser, daß ein Mühlstein um seinen Hals gehängt würde und er im tiefen Meer ersäuft würde. Wehe der Welt wegen der Fallen, denn es ist notwendig, daß Fallen zuschlagen; doch wehe dem Menschen, durch den die Falle zuschlägt!"

Siehe, ich stehe vor der Tür
und klopfe an. So jemand meine Stimme hören
und die Tür öffnen wird, zu dem werde ich eingehen
und das Mahl mit ihm halten
und er mit mir

(Apokalypse 3,20)

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